Milch vor die Säue werfen: Streik der ostbelgischen Milchbauern – ein Kommentar

Profitieren tun zur Zeit jedenfalls die Kälber. Sie laben sich an Rohmilch, volle Kanne, statt mit aufgelöstem Milchpulver abgespeist zu werden. Der Rest, auf den Höfen der streikenden Milchviehhalter, geht in den Gülletank.

Solche Aktionen machen vielen Verbrauchern noch mal fassbar, dass die Milch nicht aus dem Regal kommt, sondern von Menschen erzeugt wird. Menschen, die dafür 365 Tage arbeiten und – nur als Beispiel -Traktoren einsetzen, die teurer sind als ein Porsche. Und noch viele andere Kosten tragen.

Und für ihre Arbeit einen fairen Lohn fordern. Genauer: nicht unter Selbstkostenpreis verkaufen wollen. So landet die Milch in der Gülle. Natürlich ist das schockierend. Aber wo sollen sie den Milchschlauch sonst hinleiten?

Dritte-Welt-Organisationen wie Oxfam oder dem Roten Kreuz steht es frei, den Wunsch zu äußern, die Milch zu übernehmen. Ob sie es schaffen würden, die Molkereien zu überzeugen, die Boykottmilch kostenfrei zu Pulver zu verarbeiten? Ob sie es schaffen würden Aldi, Lidl, Carrefour und wie die Handelsketten alle heißen, die Tüten mit ihren Lastwagen zu den Armen zu bringen? Oder zu Militärflughäfen, von wo Pieter De Crem oder seine Amtskollegen den Piloten die Order geben, sie über Darfur abzuwerfen?

Ist doch wohl illusorisch – dafür werden Molkereien, Handelsketten und Nahrungsmultis wohl nur ein müdes Lächeln übrig haben. Also in die Gülle.

Was Fernsehbilder nicht in ihrer vollen Dimension vermitteln können, sind der Ernst und der Schmerz in den Gesichtern der Menschen auf dem Hof Schumacher Donnerstag Nachmittag, aber auch Stolz und ein Gefühl von Selbstwert und Selbstbestimmung. Selbst ein pensionierter alter Kämpe des konkurrierenden Bauernbundes fühlte sich beim Boykottstart in Büllingen – Originalton im BRF-Interview – „mitgerissen“ vom Umstand, „dass die Organisatoren so viele Leute zusammen gebracht haben“.

Gleichzeitig steht das, was sich abspielte, für eine weitere Evolution ostbelgischer Geschichte. Jahrzehntelang bildeten Bauernbund und Ländliche Gilden eine Säule ostbelgischer Nachkriegswirklichkeit, inzwischen koexistieren daneben der deutschsprachige Flügel der FWA als Ausdruck der Machtverteilung im regionalisierten Belgien, und der Dairy Board der alleinigen Milchbauern, der europäisch denkt und in seinen Reihen die Gruppe der Autonomen um den Landwirt Erwin Schöpges. In nur knapp 2 Jahren hat sich der Dairy Board in Ostbelgien etabliert, und Erwin Schöpges in nur 2 Tagen.

Letzterem ist die Tragweite seiner Aktion bewuss. Und in der Tat, das ist kein Streik wie bei der Bahn (einen Tag Druck machen und man verhandelt wieder mit dem Gegenüber), sondern Krieg mit fernen Gegnern wie Aldi und Nestlé. Wo die Molkereien stehen werden, muss sich noch zeigen.

Das Erste was stirbt im Krieg, ist bekanntlich die Wahrheit: Ab heute und spätestens nächste Woche wird es eine Propaganda-Schlacht mit nicht nachzuprüfenden Zahlen über Lagerbestände und Boykottwillige geben. Mit Blockaden vor Molkereien.

Zum ersten Mal haben sich Milchbauern als solche organisiert, fühlten sich nicht mehr vertreten in Landwirtschaftsverbänden, die gleichzeitig Obst- und Gemüsebauern vertreten und Fleischtierzüchter und Getreidebauern, die zur Zeit Hochkonjunktur haben. Das gab auch in Ostbelgien den Ausschlag. Insofern ist es ein sehr moderner Streik, in dem Sinn, dass für unmittelbare Belange der betroffenen Gruppe gekämpft wird.

Doch es sind nicht nur Eigeninteressen: Wenn die Eifel mit ihren Tälern und Kammlagen und das Eupener Butterländchen zu monotonen Plantagen von Mais und Kraftstoffpflanzen der zweiten oder dritten Generationverkommen sollten, in einer weltweit operierenden Nahrungsmittel- und Kraftstoffindustrie, dann wäre dies ein unbestreitbarer Verlust unter vielen Gesichtspunkten.