Die unglückliche Königstochter – ein Kommentar

Ungewöhnlich, und zu König Baudouins Zeiten kaum vorstellbar: eine Königstocher, die laut die Frage stellt, vor Mikrofonen und Kameras, ob eine Königstochter nicht das Recht habe, unglücklich zu sein. Seifenoper oder mehr?

Luc Pire ist in belgischen Verlegerkreisen nicht unbedingt beliebt, hat er sich doch in einem knappen Jahrzehnt ein kleines Verlagsimperium aufgebaut, ausgehend von seinem eigenen schon damals auf Politik und Geschichte ausgerichteten Verlag. Er richte sich zu sehr nach dem Publikumsgeschmack oder greife Themen auf, die Schlagzeilen machten und bringe sie in Buchform auf den belgischen und französischen Markt, so seine Kritiker nicht ohne Neid.

Sein neues Buch hat es auf die Titelseiten von Zeitungen, Magazinen und ins Fernsehen gebracht. „Couper le cordon“ bzw. „de navelstreng doorknippen“ – eine deutsche Fassung liegt nicht vor, dabei stünde dem Verleger mit dem Wort „abgenabelt“ ein treffenderer als der französische und niederländische Titel zur Verfügung, doch vielleicht hält er ja Ostbelgien mit Blick auf das Thema nicht für einen geeigneten Markt.

Erneut hatte er ein geschicktes Händchen, betonte die Autorin, Delphine Boël, doch eingangs ihrer Pressekonferenz, ihr Verleger habe sie überzeugt, in Buchform ihre Gefühle darzulegen, um damit ihrer Malerei und plastischen Kunst mehr Raum zu schaffen, so dass diese endlich angeschaut werden könnte ohne dass die Betrachter sich ständig fragen müssten: „Was will die Künstlerin damit ausdrücken über ihre Gefühle zu ihrem Vater und zum Königshaus und darüber hinaus?“.

Endlich würden die Werke für sich selbst sprechen können, so das Argument des Verlegers, das die Autorin dann übernahm. Ob es auch andere Beweggründe gab, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass damit die Coburgs im Garten der Windsors waren. Die Leser und Leserinnen der Regenbogenpresse mags freuen, auffallend ist, dass nicht nur „dag allemal“ damit aufmachte, sondern seriöseste Tageszeitungen mit ausgesuchten Fotos, in ebenso ausgesuchter Aufmachung und durchaus seriösen Texten.

Das wird nicht nur am menschlichen Faktor gelegen haben, sondern auch, ähnlich wie in Grossbritannien, daran, dass das Königshaus eine Größe im Staatsgefüge ist. In Belgien kommen aber andere bekannte Tatsachen hinzu: dass am Thron gerüttelt wird von Separatisten und ihren Sympathisanten, noch kürzlich, als die Kostenstruktur als nicht transparent kritisiert wurde und auch als das Geschäftsgebaren von Prinz Laurent hinterfragt wurde.

Es gibt bessere Momente als diesen für einen Ausflug in den Garten der Windsors, sicherlich wenn, nur vorläufig von olympischen Fackelläufern von den Titelseiten verdrängt, die ungelöste Bürgermeisterfrage im Brüsseler Rand erneut auftaucht und Vizepremier Reynders daraufhin die Staatsreform in Frage stellt. Die Mehrwertsteuer auf Grundstücke bringt in der Fragestunde des Parlaments die flämische Opposition zu dem Aufschrei, derselbe Minister saniere wallonische Industriebrachen mit dem Geld von flämischen Häuslebauern und das EU-Argument des Ministers sei dabei fadenscheinig. Das Ganze live aus der Kammer übertragen vom flämischen Fernsehen.

Noch brennt die Scheune nicht, doch man muss kein Spezialist sein, um zu erkennen, dass die Brandbeschleuniger bereit liegen. Ein telegener Leterme beim Nato-Gipfel in Bukarest macht noch keinen Frühling. Es wird moniert, das Königshaus sei in seiner jetzigen Ausprägung nicht zeitgemäß, anders als etwa in Skandinavien. Die Distanz des Königs zu einem außerehelichen Kind wäre zur Zeit seines Urgroßonkels Leopolds des Zweiten Ausdruck von Normalität gewesen, doch inzwischen haben Frauenrechtlerinnen und andere Vorkämpfer gesellschaftlichen Fortschritts eine andere Sicht auf außereheliche Kinder erwirkt.

Ein Foto in allen Zeitungen von Albert und seiner erwachsenen Tochter, auf einer Terrasse im Garten des Königlichen Anwesens von De Panne, ein bauchiges Glas Rodenbach-Bier in der Hand, das würde in diesen Zeiten stabilisierend gewirkt haben.