Belgien hat gewählt – Ein Kommentar

Belgien hat gewählt, die Wähler haben die Karten auf eine Weise gemischt, die den führenden Politikern viel Kopfzerbrechen bereiten. Die einen suchen nach Auswegen, die anderen suchen nach Erklärungen. Frederik Schunck meint, dass ganz einfache psychologische und kulturgeschichtliche Grundmuster von den Akteuren bewusst oder unbewusst übersehen, ausgeblendet oder unzureichend berücksichtigt wurden.

„Er habe Schneid für deren sechs“, heißt es anerkennend in der flämischen Presse. Schneid hat er, Didier Reynders. Im Glauben, jetzt oder nie, alles auf eine Karte gesetzt, auf die hauchdünne Chance eines Triumpfs, oder grandios zu scheitern, und dann vielleicht für seine Partei zum Problem zu werden. Alles gewagt – alles gewonnen; zumindest vorerst – will er den Vorsprung halten, täte er gut daran, seinen Mann in Charleroi, Olivier Chastel zu bändigen und abzumahnen: Chastel MEINT, er hätte Schneid, wenn er laut ausruft, er beanspruche die Bürgermeiterschärpe – mit weniger gebe er sich nicht zufrieden! Muss er das so laut ausrufen? Begibt er sich damit nicht in unmittelbare Nähe zu jener Macht-Sucht, die er sich angeschickt hatte, zu bekämpfen? Ob das so gut ankommt bei den Bürgern?

Schneid hatte ohne Zweifel Freya Van den Bossche – aber Schneid ist für Frauen ein zweischneidiges Schwert: „Vlaamse Kiezers“ heißt es in dem Massenblatt „Het Laatste Nieuws“, „houden niet meer van babes“, flämische Wähler mögen ihre Partygirls nicht mehr; dass sie kein „Babe“ ist, weiß man auch in den Redaktionsräumen des „Laatste Nieuws“ und lässt deshalb auch gleich eine Psychologin zu Wort kommen :Frauen, die all zu schneidig ihre Reize einsetzten – unvergessen die Wahlwerbung mit hoch geschürztem Kleid und ganz viel Bein – werde das nachgetragen, wenn Kerben das kesse Image beschädigten. Das Wort „Schneid“ ist im Deutschen nun mal männlich.Das mag ungerecht sein, ist aber dafür nicht unwahr. Dass Freya, wie sie sich gerne nennen ließ, -noch immer großformatig auf Seite 1,nun gereift und melancholisch,- den Fraktionsvorsitz ihrer Partei jetzt ablehnt, spricht FÜR sie.

Wieder einmal lag also Johan Vande Lanotte daneben, als er sie am Tag nach der Wahlniederlage als Fraktionschefin ankündigte. Aber nicht so krass daneben, wie an dem Tag, als er auf sein Image des kühlen Budgetministers ,geschätzt von Freund und Feind, in den Wind schoss und sich für den Parteivorsitz zur Verfügung stellte: Steve Stevaert wollte Gouverneur werden, er wurde es und Freya Budgetministerin : hat sich die sp.a-Führung überlegt, ob der oft und gerne bemühte „hart werkende vlaming“ sich durch Freya und Steve vertreten fühlte? Durch Steve, den es zum Gouverneurspalast nach Hasselt zog?

Daneben gab es dann gestrenge Herren wie Frank Vandenbroucke .Das ist der Mann, der das AGUSTA-Schmiergeld in einem Ofen verbrannt hatte, dann zur Läuterung nach Oxford zog und als Minister zurückkehrte: Das lässt an Protestantismus niederländischer Prägung denken, ebenso wie Vandenbrouckes umfangreiche Wahlwerbung „Jeder habe die Pflicht zu arbeiten“: das vergraulte dann den weniger hart arbeitenden Flamen, den gibt es nämlich auch; es blieb die hippe Schicht und die Stammwählerschaft; ein Renaat Landuyt tat sein Übriges: er hatte sich daran gemacht, im Sinne nördlicher Philosophie, die Bürger zu erziehen, mit saftigsten Strafen, wenn sie einige Stundenkilometer zu schnell fahren würden: ein gefundenes Fressen für Jean-Marie Dedecker, ein Rabauke, der einen Journalisten in die Zelle von Dutroux mitnahm, und – comme par hasard – 3 Tage vor dem Wahltag Doping im Radsport thematisierte: das nennt man Schneid: Themen wie Radrennen, die heilige Kuh Flanderns, die Superboeten, sprich die überzogenen Bußgeldtarife, die Landuyt dann nach unten revidieren musste; Muss es da verwundern, dass der, der zu Recht oder zu Unrecht ausrief, mit 160 auf der Autobahn sei der Bürger kein Krimineller, aus dem Stand heraus 5 Sitze holte? Auch in anderen Fällen hilft ein Hinweis auf Papa Freud – Sigmund – Michel Daerden zeigte es den Calvinisten mit 90.000 Vorzugsstimmen , dass im euregionalen Katholizismus noch immer die Maxime gilt, dass wer viel und gut arbeite, auch Durst haben dürfe.

Dumm gelaufen für den Vlaams Belang: Waren das Zeiten, als der Blok noch ein reiner Männerclub war: Dewinter, van Hecke und Anemans, und Anke Van der Meersch, vormals Miss Belgien, als Vorzeige-Babe. Dann kam Dewinter mit der Idee einer Forzia Flandria, einer Art flämischer CSU, erst wollte Van Hecke auch, dann wollte er plötzlich nicht mehr, wie es heißt, auf Anraten seiner Favoritin Marie-Rose Morel, und – chercher la femme – Schluss mit lustig im Männerbund.

Dumm gelaufen auch für Yves Leterme: das nennt man einen Pyrrhussieg. 800.000 Vorzugsstimmen wie weiland Leo Tindemans; nur der war nicht gekettet an die Volksunie .Wie jetzt Leterme an die wieder erstarkte NV~A:
Staatsreform UND „goed bestuur“,- daraus wird wohl nichts. Somit lautet die 100.000 Dollar-Frage: wird es Reynders gelingen, dem NV~A-Chef Dewever die These schmackhaft zu machen, die PS überholt zu haben, sei schon eine Form von Staatsreform, 2009 würde er versuchen, den Coup auf wallonischer Ebene zu wiederholen, bis dahin stärke jegliche neue Befugnis doch nur in Namür die PS – nun, Dewever ist ein Mann mit politischem Instinkt; Also, bis 2009 tatsächlich ein Moratorium? Es geht um Psychologie in diesen Wochen, weniger um Politik.

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