Vivant – Missionsarbeit in Lüttich, Crash in Ostbelgien – Ein Kommentar

Die Partei Vivant, die ja auch im Bezirk Lüttich bei der Kammerwahl antritt, steht in Ostbelgien kurz vor dem Urnengang vor einem Scherbenhaufen. Mit Pauken und Trompeten hat die derzeitige Führungsspitze der Eupener Sektion die Brocken hingeworfen. Zugleich haben die Eupener kein gutes Haar an der Eifeler Sektion gelassen; der Bruch ist damit vollzogen. Wenn auch der Zeitpunkt eher überrascht: der Graben zwischen der Nord- und der Südsektion war längst offensichtlich. Es kommentiert Roger Pint...

Die Partei Vivant, das war von Anfang an ein seltsames Grüppchen. Letztlich war es ein Sammelsurium von Leuten mit zum Teil grundverschiedenem politischem Background, die sich um eine Idee geschart hatten. Und genau diese Heterogenität hat jetzt zum Bruch innerhalb von Vivant-Ostbelgien geführt.

Vor 10 Jahren, 1997 hatte der flämische Multimilliardär Roland Duchâtelet die Partei gegründet. Im Mittelpunkt, eine Idee: die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger. Dahinter steckt die Hypothese, wonach die Besteuerung der Arbeit in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit unsinnig ist; die Finanzierung der Sozialsysteme muss also von der Arbeit weg auf andere Bereiche verlagert werden. Duchâtelet schwebt also vor, die Arbeit weitgehend von Abgaben zu befreien. Die damit verbundenen Ausfälle würden durch eine nachdrücklichere Besteuerung des Konsums und auch der fossilen Brennstoffe kompensiert. Duchâtelet hat hier übrigens das Rad nicht neu erfunden: die Idee der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens taucht in vielen Teilen der Welt immer wieder auf, insbesondere in Deutschland, wo der Gründer der Drogeriemarkt-Kette „dm“, Götz Werner, in dieselbe Kerbe schlägt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Idee dafür allgemein uneingeschränkt anerkannt würde; viele Kritiker halten das ganze für allzu utopisch.

Roland Duchâtelet indes bereiste nach der Gründung von Vivant das ganze Land und er schaffte es tatsächlich, Menschen zu begeistern. Ende der 90er Jahre bildeten sich rechts und links kleine Lokalsektionen. Auch in Ostbelgien hatte Duchâtelet zu überzeugen gewusst: im Norden bildete sich eine Lokalsektion um den ehemaligen Gewerkschafter Jean Van Ael, im Süden infizierte Duchâtelet den Chirurgen Dr. Joseph Meyer.

Soweit, so gut. Zwar war der Initialfunke von ein und derselben Person, also Roland Duchâtelet, gekommen. Beide Sektionen entwickelten aber schnell ein Eigenleben, was sie mehr und mehr voneinander entfernte.

Vivant ist nämlich eigentlich de facto nicht mehr und nicht weniger als eine „parteigewordene Idee“: im Mittelpunkt des Vivant-Programms steht in aller erster Linie das erwähnte Steuermodel. Andere Bereiche der Gesellschaft werden allenfalls angerissen; über einige grundsätzliche Vorschläge geht das aber nicht hinaus.

Das gibt den Mitgliedern ideologische Freiräume. So hörte man aus dem Mund von Mitgliedern ein und derselben Partei mitunter diametral entgegengesetzte Parolen: die einen plädierten für eine Einschränkung der Einwanderung, die anderen für die verstärkte Aufnahme von Ausländern.

Pluralismus ist für eine Partei nicht notwendigerweise problematisch; Flügelkämpfe kennen auch die klassischen Parteien. Nur hatte man es in Ostbelgien eigentlich mit zwei verschiedenen Vivant-Parteien zu tun.

Im Norden hatte sich Vivant unter der Ägide von Jean Van Ael der Bürgernähe verschrieben. Vivant war Dauergast auf Bürgerversammlungen; Sicherheit wurde groß geschrieben, wobei man da mitunter auch vor rechtspopulistischen Parolen nicht zurückschreckte. Das war wohl auch ein Grund, warum die CSP Vivant im Eupener Stadtrat an den Mehrheitszug ankoppelte; so konnte man Vivant letztlich besser kontrollieren. Dass die Bewegung dadurch gleichzeitig geadelt wurde, war eine Nebenwirkung, die man in Kauf nahm; die Wahlschlappe von Vivant bei den letzten Kommunalwahlen hat der CSP -aus ihrer Sicht- letztendlich Recht gegeben.

Im Süden widmet sich Dr. Joseph Meyer dagegen eher den globalen Problemen, übt sich in Geopolitik. Selbst in den Augen der Kollegen aus dem Norden schießt er dabei -gemessen an der Größe der DG und vor allem an ihren Zuständigkeiten- zuweilen weit über das Ziel hinaus.

Beide Flügel kümmerten sich dabei mehr und mehr um ihre Steckenpferde. Die Grundidee von Vivant kommt zwar immer mal wieder vor; schwerpunktmäßig beackert man aber andere Politikfelder: im Norden Sicherheit und Bürgernähe, im Süden die Zukunft des Planeten.

Sprach man Vivantler aus dem Norden auf die Kollegen aus Sankt Vith an, dann hatte man schnell verstanden, dass die einen mit den anderen nicht so richtig viel zu tun hatten und auch nicht haben wollten.

Und auch Roland Duchâtelet dürfte nicht immer geheuer gewesen sein, was da im Namen seiner Partei in Ostbelgien so alles gesagt und getan wurde.

Fest steht aber, dass Vivant seine bislang größten Erfolge in Ostbelgien gefeiert hat, spätestens seit man 2 Sitze im PDG erobern konnte. Das räumte den Deutschsprachigen auch gewissermaßen eine Sonderstellung ein; das legitimierte auch ihre Missionsarbeit in Lüttich, wo der Eifel-Flügel die dortige Sektion gerade erst wiederbelebt hat. Dabei hatte man aber den Eindruck, dass nicht mehr nur die Ideen Duchâtelets, sondern vielmehr deren Auslegung durch Dr. Joseph Meyer im Mittelpunkt standen.
Es ist nicht das erste Mal, dass junge Parteien letztlich an ihrer Heterogenität zerbrechen. Ob sie es wollen oder nicht: neue Bewegungen üben ihre Anziehungskraft vor allem auf Menschen aus, die die Welt durch politisches Engagement verändern wollen, die aber zugleich den klassischen Parteien misstrauisch bis ablehnend gegenüber stehen. Und diese unfreiwillig zur Protestpartei mutierte Bewegung zieht -wegen ihrer Jungfräulichkeit- auch Protestwähler an.

Die Tatsache, dass Vivant quasi in der VLD aufgegangen ist und in Flandern noch nicht einmal mehr das Parteikürzel „Vivant“ auftaucht, spricht Bände. Ohne den Unglückpropheten geben zu wollen: meist ist es so, dass sich nach zwischenzeitlichen Erfolgen Machtkämpfe einstellen; dadurch und durch Verschleißerscheinungen verliert die Partei zugleich ihre Anziehungskraft für Protestwähler.

Und am Ende steht das Aus.

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