Kooperationsvertrag beim Jugendschutz: Warum Jugendliche kriminell werden – Ein Kommentar

Die Jugendkriminalität nimmt - rein statistisch gesehen - weiter zu. Das erregt den Volkszorn und lässt sich politisch gut ausschlachten. Justizministerin Onkelinx hat im vergangenen Jahr die Empörung nach dem Mord an dem Schüler Jo Van Holsbeek zum Anlass genommen, eine längst fällige Reform des Jugend-Strafrechtes und des Jugend-Schutzgesetzes auf den Weg zu bringen. Das Vorhaben hat diese Woche auch im Eupener Parlament eine positive Wendung genommen. Die Deutschsprachige Gemeinschaft arbeitet beim Jugendschutz eng mit dem Föderalstaat zusammen. Diese Kooperation ist jetzt durch drei Vereinbarungen besiegelt worden. Doch wie sinnvoll ist die härtere Bestrafung von jugendlichen Straftätern und die größere Mitverantwortung von Erziehungsberechtigten? Andreas Cremer kommentiert.

Wie man in Belgien kriminell wird? Ganz einfach! Indem man sich betrunken ans Steuer setzt. Seinen Müll in die Natur kippt. Einen anderen „Arschloch“ nennt. Ohne Fahrkarte Linienbus fährt. Beamte beschenkt und dafür Vorteile erhält. Mit 180 Stundenkilometern durch die Innenstadt rast. Sich als Putzfrau schwarz etwas dazuverdient. Einer fremden Frau ins Dekoltee fasst. Mit unbezahlter Ware unterm Arm das Kaufhaus verlässt. Handgreiflich wird. Ein Sümmchen bei der Einkommensteuererklärung verschweigt und so weiter… Wir alle kennen bestimmt jemanden, der solche Delikte begangen hat. Oder bleibt der Blick schon im Spiegel hängen?

Bei den Jugendlichen ist das Kriminellwerden vor allem geschlechter-spezifisch: 95 Prozent aller männlichen Jugendlichen werden mindestens einmal kriminell, sagt die Dunkelfeldforschung. Die wenigsten werden allerdings erwischt, und das ist laut Expertenmeinung gut so. Denn Jugendkriminalität ist fast immer eine „Störung“, die sich selber heilt. Die Mahnung „Wehret den Anfängen!“ mag zwar berechtigt und ein guter Ansatz sein, aber in vielen Fällen lohnt es auch, abzuwägen, anstatt blinden Aktionismus walten zu lassen, denn nur wenige Täter gehen über den Anfang von Straftaten hinaus.

Die Verstöße Jugendlicher sind in der Regel sogenannte Bagatelldelikte. Schwarzfahren, Beleidigungen, Raufereien, Haschischkaufen, Stehlen, Sachbeschädigung, kleine Einbrüche – das sind massenhafte und manchmal vorübergehende Erscheinungen, die immer noch der normalen Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen zugerechnet werden. In diesem Punkt sind sich Strafrechtsgelehrte und Kriminologen einig. Auch Mehrfach- und Vielfachtätern ist der Weg vom jugendlichen Nichtsnutz zum professionellen Panzerknacker nicht schicksalhaft vorbestimmt. Die meisten finden auf den Pfad der Tugend zurück oder setzen ihre Untaten außerhalb des Lichtkegels amtlicher Kriminalstatistiken fort.

Demnach macht die belgische Gesetzgebung beim Umgang mit jugendlichen Straftätern augenscheinlich keine groben Fehler: anstelle von rachelustiger Repression stehen jetzt Begriffe wie Vermittlung, Wiedergutmachung und Einsicht. Das sind die tragenden Elemente im neuen Jugendschutzgesetz und die Gemeinschaften haben die noble Aufgabe, diese Botschaft an die Betroffenen weiterzugeben. Mit ihren unstreitbar erworbenen Kompetenzen bei Jugend-Fragen sollen die Helfer aus den drei Sprach-Gebieten Belgiens nach dem Willen des Gesetzgebers schlichtend eingreifen und das sicher vorhandene Problem der Jugendkriminalität nicht unnötig dramatisieren. Denn eines ist klar: Kriminalität wächst auch durch Aufmerkamkeit.

Dass die Jugendkriminalität in den Kurven von Polizei-Statistiken hochgeschnellt ist, hat mehrere Gründe. Da ist etwa die Zahl der Eigentumsdelikte: Mit Konsumreizen und Werbung überschüttete Jugendliche greifen in Warenhäusern munter zu. Ausgeklügelte Sicherungssysteme, Heere neu eingestellter Kaufhausdetektive und allgegenwärtige Videokameras tragen zur massenhaften Überführung jugendlicher Frevler bei. Dazu kommt die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Phänomen der Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren zuteil wird und die damit einhergehende Anzeigefreudigkeit.

Die statistische Kriminalität wächst also auch dadurch, dass man über sie liest und spricht. Während früher nach einer Körperverletzung oder einem Diebstahl sich der Vater des Opfers beim Vater des Täters beschwerte und der den Sohn am Ohr aus dem Kinderzimmer holte, schaltet man heute Anwälte oder Behörden ein. Die Angehörigen von Tätern und Opfern klären die Fragen von Schuld und Sühne nicht mehr unter sich. Oft türmen sich zwischen den betroffenen Familien unüberwindliche ethnische Barrieren auf, denn viele jugendliche Täter kommen aus dem Ausland. Es gibt zwischen Täter- und Opferfamilien keine gemeinsame Sprache mehr und wenig gemeinsame Wertvorstellungen. Auch über die sozialen Gräben hinweg wird kaum noch nach Konfliktlösungen gesucht. Darum ist das geplante Eltern-Praktikum ein Schritt nach vorn. Es soll Erziehungsberechtigten die Taten ihrer Sprösslinge vor Augen führen und verhindern, dass sich vermeintlich erwachsene Menschen mit angeblichem Unwissen über die kriminelle Laufbahn des Nachwuchses aus der Verantwortung stehlen. Über die Form dieses Eltern-Trainings wurde auch im Eupener Parlament gestritten. Doch die Furcht vor einer Brandmarkung von Erziehungsberechtigten ist wohl unbegründet. Human und diskret soll es bei dem angestrebten Dialog zugehen – und wer die Jugend-Experten in der Deutschsprachigen Gemeinschaft kennt, weiß, dass sie dieses Fingerspitzengefühl besitzen. Die neue Gesetzgebung bedeutet auch, dass die Kommunikation zwischen Betroffenen, Jugendämtern und Justizbehörden verbessert wird.

Aber eines muss dann doch noch deutlich festgehalten werden: Laut Statistik bleiben rund 90 Prozent der Jugendlichen und Heranwachsenden mit belgischem Pass polizeilich unauffällig. Von den knapp 10 Prozent, die sich durch Straftaten hervortun, schlagen nur wenige tatsächlich eine kriminelle Karriere ein. Diese kleine Anzahl Täter ist verantwortlich für hitzige Debatten über Jugendkriminalität und verdirbt den Ruf einer ganzen Generation.

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150