Anne Delvaux wechselt in die Politik – Ein Kommentar

Die CDH hat in dieser Woche eine neue, illustre Kandidatin vorstellen dürfen: Anne Delvaux, allseits bekannte Nachrichtensprecherin der öffentlich-rechtlichen RTBF, kandidiert für die Partei auf Platz 2 der Senatsliste. Delvaux dürfte ein tolles Ergebnis einfahren; CDH-Chefin Joëlle Milquet brachte ihre neue Galionsfigur sogar gleich als potentielle Anwärterin auf ein Ministeramt ins Spiel. Doch was ist von derartigen “Seitenwechseln” zu halten? Verschwimmen hier nicht die Grenzen zwischen Politik und Journalismus? Roger Pint kommentiert...

So viel vorweg: Politik machen ist kein Verbrechen. Einer Partei anzugehören, ist kein Makel.
Im Gegenteil: Politik steht für ein nobles gesellschaftliches Engagement. Politik machen, das heißt Verwalten und Gestalten. Ohne Politik, keine Demokratie.

Entsprechend groß ist auch die Verantwortung, die man sich aufbürdet, wenn man sich für eine politische Karriere entscheidet. Der Politiker ist sozusagen ein Botschafter der Demokratie. Nimmt er sein politisches Engagement nicht ernst, missbraucht er vielleicht sogar das Amt, in das er gewählt wurde, dann beschädigt er damit das System, für das er steht.
Leider viel zu häufig muss man allerdings den Eindruck haben, dass sich die Politiker ihrer Verantwortung nicht so recht bewusst sind. Und das gilt nicht nur für jene, die die ihnen zugewiesenen Ressorts als Selbstbedienungsladen missverstanden haben. Sondern auch für die Parteipräsidenten, die ehemalige Fußballprofis, Schönheitsköniginnen oder Judo-Trainer für ihre Wahllisten rekrutieren, Leute also, die offenkundig nur eine Aufgabe haben: möglichst viele Stimmen holen. Das gelingt diesen prominenten Polit-Quereinsteigern nämlich in der Regel auch: tausende, zehntausende Menschen geben dem bekannten Gesicht ihre Stimme und verbinden damit auch ein gewisses Maß an Hoffnung. Um dann irgendwann festzustellen, dass der vermeintliche Hoffnungsträger im Parlament allenfalls den Stuhl warm hält. Mit jedem dieser viel zu häufigen Fälle stirbt ein Teil des Glaubens an die Demokratie.

Und wenn eine Person wie Anne Delvaux in die Politik wechselt, dann sind die Erwartungen natürlich noch viel größer als bei besagten ehemaligen Fußballprofis, Schönheitsköniginnen oder Judo-Trainern: Anne Delvaux ist ja neben François de Brigode DAS Gesicht des Journal Télévisé der RTBF. Das Metier, dem sie ihre Popularität verdankt, setzt eine Kompetenz voraus, die sie für den Job eines Politikers durchaus geeignet erscheinen lässt. Dieser Trumpf ist ein vergiftetes Geschenk: Anne Delvaux verfügt nicht über den Bonus, in dessen Genuss etwa ein Mann gekommen ist, der seine Popularität dem Umstand verdankte, sich in seinem früheren Leben auf einem Fußballplatz den Spitznamen “Kampfschwein” verdient zu haben. Ihr traut man zu, dass sie “es kann”; von ihr erwartet man gleich volle Leistung.

Anne Delvaux muss das wissen. Und entsprechend pokert sie hoch, ohne Zweifel. Der Einsatz ist aber nicht nur ihre Person, sondern die Glaubwürdigkeit der Politik insgesamt. Ob das alle Beteiligten wirklich verstanden haben, darf bezweifelt werden. Wenn etwa Joëlle Milquet behauptet, dass sie sich in erster Linie für die FRAU Anne Delvaux interessiere und dass die Tatsache, dass sie aus den Medien bekannt sei, allenfalls ein netter Nebeneffekt sei, dann ist das ein Ammenmärchen. Dem Wahlergebnis der CDH wird der Delvaux- Coup in jedem Fall gut tun; das ist doch das, was für die Parteien zählt. Und das gute Ergebnis der Listenzweiten ist dann nicht der Frau Anne Delvaux, sondern dem Medienstar zu verdanken. Für die Glaubwürdigkeit der Politik insgesamt wäre es gut, wenn die Frau Anne Delvaux auch dann noch interessant ist, wenn der Medienstern langsam verblasst.

Genau diesen Abstieg in die Unwichtigkeit haben nämlich allzu viele Vorgänger von Anne Delvaux schmerzlich erfahren müssen. Leute wie Henri Mordant, Henri-François Van Aal, Frédéric François, Josy Dubié, Jean-Pol Procureur, Dirk Sterckx, Yvo Belet, Frédérique Ries: sie alle wurden mit Pauken und Trompeten von ihren Parteien vorgestellt, als sie den Platz vor der Kamera gegen den in einem Parlament eintauschten. Viele konnten später ihre Verbitterung kaum verhehlen; einige räumten ein, dass sie sich das anders vorgestellt hätten.
In der Zwischenzeit haben sie aber nicht nur sich in Misskredit gebracht, sondern ihren gesamten Berufsstand.

Wenn es einen Grundsatz gibt, der im Kopf eines jeden Journalisten golden eingerahmt sein sollte, dann ist es das Prinzip “Objektivität”. Aufgabe des Politik-Journalisten ist es, die Menschen zu informieren und ihnen zugleich bei der Deutung von politischen Ereignissen und Entwicklungen behilflich zu sein. Und bei diesem Prozess der Meinungsbildung ist Neutralität Grundvoraussetzung. Ein parteiischer Beobachter hat eine parteiliche Brille auf.

Wenn nun ein Politik-Journalist in die Politik wechselt, dann stellt er rückwirkend seine Neutralität und Objektivität in Frage. Ob nun gerechtfertigt, oder nicht: ein solcher Reflex ist nur natürlich. Bei jedem “Seitenwechsel” verschwimmen die Grenzen zwischen dem Beobachter und denen, die er beobachtet, ein bisschen mehr. Für die Glaubwürdigkeit der Presse ist das äußerst ungesund.

Presse und Politik verhalten sich zueinander wie die zwei Seiten einer Medaille: die Nähe ist da, das liegt in der Natur der Sache. Presse und Politik beackern schließlich dasselbe Feld. Sie stehen sich aber gegenüber wie Gewicht und Gegengewicht. Bei aller Nähe gilt: man sitzt nicht in einem Boot. Wenn der Leser, Hörer oder Zuschauer Politik und Presse sozusagen als “einen und denselben Verein” betrachtet, dann scheidet die Presse als legitimer Berichterstatter aus. Und ohne Information, keine Demokratie.

In diesem Zusammenhang ist es um so schlimmer, wenn sich die Politik-Ausflügler einige Jahre später wieder in ihrem Sender zurückmelden. Nach einer Zeit in Quarantäne, wie es bei der RTBF so schön heißt, dürfen sie dann wieder vor die Kamera, und über die berichten, zu denen sie einst gehört haben.
Politisches Engagement ist, wie gesagt, prinzipiell eine noble Angelegenheit. Journalisten, die im wahrsten Sinne des Wortes die Seite wechseln, sollten allerdings genau wissen, wie sehr sie da mit dem Feuer spielen.

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