Es läuft nicht besonders gut für US-Präsident Donald Trump: Der Iran weigert sich trotz Monaten amerikanisch-israelischer Angriffe, sich zu ergeben und um Gnade zu flehen. Im Gegenteil, trotz der prahlenden Worte aus dem Weißen Haus beziehungsweise Mar-a-Lago gelingt es dem Regime in Teheran wieder und wieder, Trump und die angeblich mächtigste Armee der Welt vorzuführen.
Währenddessen gibt die Welt Trump und seinem vom Zaun gebrochenen Krieg die Schuld an immer weiter steigenden Energiepreisen. Im eigenen Land lahmt die Wirtschaft und bleiben die Umfragewerte hartnäckig im Keller. Zumindest den nördlichen Nachbarn Kanada in die Knie zu zwingen und zu demütigen, ist für Trumps narzisstisches Selbstbewusstsein also quasi überlebenswichtig geworden.
Kein Wunder also, dass der US-Präsident höchst pikiert auf die öffentlichkeitswirksame Annäherung von zwei seiner Lieblingsprügelknaben reagiert. Und dass er wie üblich die Zoll-Keule schwingt. Eine Drohung, die so vorhersehbar und abgedroschen ist, dass er dafür noch nicht mal einen Fifa-Preis bekommen würde.
Aber klar, Trump hat jeden Grund, schlecht gelaunt zu sein. Nicht nur, dass ihm sein Erzfeind Mark Carney erneut deutlich die Meinung gegeigt hat, was die US-Einmischung in kanadische Angelegenheiten angeht. Nicht nur, dass Europa wesentlich weniger erpressbar würde, falls es essenzielle Rohstoffe und vor allem Flüssiggas aus Kanada beziehen würde.
Nicht nur, dass besagte essenzielle Rohstoffe die ihm so verhasste Energiewende vorantreiben könnten. Nicht nur, dass ein Schulterschluss über den Nordatlantik hinweg einen dicken Strich durch seine Wahnvorstellungen machen könnte, Kanada und Grönland zu annektieren.
Nein, was Trump wohl am meisten Sorgen macht oder zumindest machen sollte, ist, dass das Beispiel Schule machen könnte. Dass also weitere von Trump gepiesackte Länder zu einem wie auch immer gearteten Mittelmächte-Block mit Kanada und der EU dazustoßen könnten. Australien etwa zeigt sich schon jetzt sehr interessiert, Japan könnte ein weiterer Kandidat sein. Und je größer dieser hypothetische neue Block, desto schwieriger für Trump, Länder nach Lust und Laune herumzuschubsen. Potenziell reden wir hier also über eine weitere schmähliche Niederlage für den selbsternannten größten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten.
Für Kanada und Europa liegen die Vorteile derweil auf der Hand, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch und ganz sicher nicht zuletzt auch politisch beziehungsweise gesellschaftlich: weniger Abhängigkeit von imperialistischen Großmächten wie den USA und China, besserer gegenseitiger Schutz im Norden gegen die Gelüste sowohl Trumps als auch Putins, Verbündete mit tatsächlich nicht nur auf dem Papier geteilten Werten. Denn es ist natürlich kein Zufall, dass die pro-Trump extreme Rechte not amused ist über die intensivierte Freundschaft.
Auch nicht unwichtig: Im Gegensatz zum wankelmütigen Trump-Regime hat sich Kanada immer als treuer Verbündeter der Ukraine erwiesen. Diese Front zu verstärken, kann nur im Interesse der Europäer sein. Und man sollte auch nicht vergessen, dass Kanada zum Commonwealth gehört – eine Annäherung würde also auch die britisch-europäischen Verbindungen verstärken.
Wir reden de facto also von einer rechtsstaatlich-demokratischen Achse des Guten in einer Welt der Rambos, Raufbolde und sonstigen Durchgeknallten. Allein das ist schon unglaublich viel wert in unseren bewegten Zeiten. Immer vorausgesetzt natürlich, es bleibt nicht bei leeren Worten und hehren Idealen und dass gewisse EU-Staaten es im Interesse des Allgemeinwohls mal gebacken bekommen, über ihre jeweiligen nationalistischen Schatten zu springen. Denn das ist natürlich die entscheidende Frage, zumindest auf dieser Seite des großen Ozeans.
Allerdings sollten sich die üblichen Verdächtigen bitte auch bewusst machen, was denn die Alternativen wären. Beziehungsweise, dass alle anderen Optionen vermutlich deutlich schlechter wären. Auch und gerade, weil eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zu Vernunft und Normalität leider alles andere als sicher ist.
Boris Schmidt