Beim Pisa-Test durchgefallene Schüler behaupten, dass die Erbauer des schiefen Turms schon vor 850 Jahren keine Ahnung hatten von Mathematik oder Naturwissenschaften. Sie hatten aber nur den weichen Untergrund nicht berücksichtigt. Seinerzeit und in den folgenden Jahrhunderten haben die Ingenieure sogar "Maestria" darin bewiesen, den Turm davor zu bewahren, dass er einstürzt, so dass er zum Touristenmagneten wurde.
Die Pisa-Studie hat damit natürlich nichts zu tun. PISA steht hier als Akronym oder Kürzel für das englische "Programme for International Student Assessment". Auf Deutsch: Programm zur internationalen Schülerbewertung. Durchgeführt wird die Pisa-Studie von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Und sie ist zu einem Fanal dafür geworden, dass die Schulbildung in Schieflage geraten ist.
Der Vergleich mit den üblichen Spitzenreitern aus Fernost bringt nichts - ich habe hier schon mal gesagt, dass wir wohl kaum deren kulturelle Rahmenbedingungen auf uns anwenden wollen. Interessanter ist sowieso der Vergleich unter seinesgleichen. In Schülerkreisen zirkuliert seit Generationen das beliebte Argument: "Die anderen waren auch nicht besser als ich ..." In Sachen Pisa gilt aber die Feststellung, dass es praktisch durch die (Schul-)Bank weg schlechter wird. Trotz aller Gegenstrategien und Bemühungen seit dem ersten Pisa-Schock.
Woran liegt’s? Mich hat die Schule gelehrt, nicht allzu schnell auf einfache Muster und monokausale Erklärungen zurückzugreifen. Für andere ist klar: Schuld sei die Zuwanderung. Tatsächlich hält auch die Pisa-Studie fest, dass eine fremde Sprache ein Hindernis sein kann beim Erfassen von Lerninhalten. Das wurde auch beim diesmal unterdurchschnittlichen Abschneiden der getesteten DG-Schülerkohorte festgestellt.
Im Vergleich zu den Altersgenossen aus der Französischen Gemeinschaft und aus Flandern war ein höherer Anteil nicht von Haus aus der gewählten Testsprache mächtig. In der DG logischerweise Deutsch. Von den 30 Prozent Schülern, die hier zu Hause nicht die Testsprache Deutsch sprechen, waren wiederum gut ein Drittel französischsprachig.
Bei unseren luxemburgischen Nachbarn hat sich gezeigt, dass der Anteil an Schülern, die Französisch als Testsprache ausgewählt haben, deutlich höher lag als noch vor ein paar Jahren - selbst wenn sie nicht auf Französisch alphabetisiert wurden. Es werde wohl eher ihrem häuslichen Umfeld gerecht.
Gerade in Luxemburg, wo zwei Drittel der Schüler einen Migrationshintergrund haben, zeigen die Pisa-Ergebnisse diesmal, dass dieser als Einflussfaktor auf die Schulleistungen zurücktritt im Vergleich zur sozialen Herkunft. In Ostbelgien wirkt sich die soziale Herkunft der Schüler wiederum weniger stark auf die Resultate aus als anderswo.
Als weitere negative Faktoren wurden wenig überraschend eine hohe Bildschirmzeit und eine übermäßige Nutzung des Handys ausgemacht - und für den schulischen Rahmen ja mittlerweile auch schon eingegrenzt. Ganz abstellen oder rückgängig machen lässt sich aber auch diese Entwicklung nicht. Und ehe jetzt wieder voreilig auf die Digitalisierung im Unterricht geschimpft wird: Das kleine Estland, das massiv darauf setzt, schneidet beim Pisa-Test hervorragend ab.
Für den Lernerfolg maßgeblich waren immer schon motivierte und Interesse weckende Lehrer, motivierte und interessierte Schüler, motivierte und interessierte Eltern. Letztere können sich dabei nicht mehr allein auf ihre eigenen schulischen Erfahrungen verlassen. Aber sie können Rollenvorbilder sein, wenn es darum geht, Motivation und Interesse bei ihren Kindern zu wecken. Wir können die Schulen mit Pisa nicht allein lassen. Das wäre wirklich zu einfach.
Stephan Pesch