Wer wissen will, wie aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, ist hier richtig. Da will der Brüsseler Défi-Abgeordnete François De Smet im Parlamentsausschuss den N-VA-Premierminister Bart De Wever auf frühere Äußerungen festnageln: Ob die Maßnahmen der Regierung wie die neue Arbeitslosengeldregelung auch tatsächlich dem Allgemeinwohl dienen? Oder ob sie am Ende einem flämisch-nationalistischen Plan folgen, zu beweisen, dass der belgische Staat nun mal nicht funktioniere und somit der angestrebte Konföderalismus der einzige Ausweg sei.
De Wever, seit gut einem Jahr ganz in der Rolle als Staatsmann aufgegangen, unterstreicht daraufhin, wie sehr alle Belgier von den Maßnahmen profitieren würden, allen voran die Wallonen, aber natürlich auch die Flamen, die Brüsseler und er vergisst auch diesmal nicht, die Deutschsprachigen zu erwähnen - worauf De Smet lapidar den Ball aufgreift und meint: Die Deutschsprachigen seien ja auch Wallonen. Das eine schließe das andere nicht aus. Beide Redner haben dabei den ostbelgischen Abgeordneten Luc Frank im Blick, der ebenfalls an der Ausschusssitzung teilnimmt.
Dass sich De Wever daraufhin ereifert, De Smet mache sich einer Form von "Rassismus" und "Kolonialismus" verdächtig, nimmt der ungläubig zur Kenntnis. Sein verblüfftes Gesicht spricht Bände - nachzuschauen im Videomitschnitt der Ausschusssitzung vom vergangenen Dienstag. Dort bekommt man auch ein anderes Gefühl für diesen "Vorfall", der nun wirklich nicht das Zeug zur Staatsaffäre hat. Eine Mini-Staatsaffäre für ostbelgische Verhältnisse wird erst daraus, als der parlamentarische Disput aus dem Zusammenhang gelöst und zur Selbstdarstellung genutzt wird. Schauen wir auf den Auslöser, stellen wir fest: Viel Lärm um nichts.
Denn, was De Smet sich beeilt, klarzustellen ist, dass die Bürger, die in der DG leben in mannigfacher Hinsicht auch Bürger der Wallonischen Region seien. Das Brüsseler Schlitzohr erklärt sich sogar bereit, gerne ein anderes Mal über das Thema vierte Region zu sprechen… Ja, er benutzt nicht einmal die Bezeichnung "deutschsprachige Wallonen" oder "Wallons de langue allemande", wie es weiland Robert Collignon tat oder Franks Parteikollege Maxime Prévot, heute Chef der belgischen Diplomatie.
Wo sowohl De Smet und auch Frank falsch liegen, ist, wenn sie die "Institution" der Deutschsprachigen Gemeinschaft als Teil der Wallonischen Region bezeichnen. Es ist eher ein Neben- oder Übereinander (die belgische institutionelle Lasagne) … flämische Nationalisten wie Bart De Wever würden sagen: ein Durcheinander.
Aber die Menschen hier sind sowohl Bürger in der Deutschsprachigen Gemeinschaft als auch in der Wallonischen Region … das eine schließt eben das andere nicht aus. Das versuchte De Smet zu erklären. Eines können wir ihm nämlich nicht unterschieben: dass er mit seiner beiläufigen Bemerkung diskriminieren wollte. Ja, noch nicht einmal vereinnahmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der französischsprachige Brüsseler De Smet sich als Wallone empfindet. Ich werde mich aber hüten, ihm in dieser Hinsicht was auch immer zu unterstellen, weil das so eine Sache ist mit der Identität der anderen.
Gut möglich, dass sich auch eine nicht eben kleine Zahl der fast 80.000 in der DG lebenden Bürger gar nicht als "deutschsprachige Belgier" begreift. Da wären zum Beispiel die vielen Bundesdeutschen, die hier leben. Und wohl auch die vielen Französischsprachigen. Ob die sich als deutschsprachige Belgier identifizieren? Oder vielmehr als "Wallonen", im Ausgleich zu den erklärten "deutschsprachigen Belgiern" außerhalb der DG? Wer weiß das schon. Wir werden ihnen sicher nicht reinreden. Am Ende bezichtigt uns sonst noch jemand des Rassismus oder Kolonialismus.
Stephan Pesch