Keine Sorge: Autofreie Sonntage aus der Not heraus wird es so schnell nicht wieder geben. Also nicht wie vor über 50 Jahren, als im Zuge des Jom-Kippur-Krieges die Organisation erdölexportierender Länder OPEC, die von arabischen Staaten dominiert wurde, Öl als Waffe einsetzte. Oder besser gesagt: die Verknappung von Öl.
So ähnlich macht es jetzt der keineswegs unschuldige Iran, indem er als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels die benachbarten Golfstaaten angreift und gezielt Tanklager, Schiffe und Ölfelder ins Visier nimmt. Und eben das Nadelöhr der Straße von Hormus blockiert.
Die Märkte haben sofort reagiert: Der Ölpreis schießt in die Höhe und so ist dieser weit entfernte Krieg in seinen Konsequenzen auch bei uns angekommen. Der augenfälligste Hinweis darauf sind die langen Autoschlangen an den Tankstellen in Grenznähe, die von den Nachbarn jenseits der Grenze gebildet werden. Aber zeigen wir uns großmütig, statt vermeintliche Besitzstände wahren zu wollen. Wir pendeln anderer Vorteile wegen gerne auch mal in die andere Richtung und nutzen ja selbst gerne die Nähe zum Großherzogtum, um bei der Tankfüllung einige Cent zu sparen.
In diesem Fall erweist sich das staatliche Regulierungssystem eines Höchstpreises in Belgien und in Luxemburg als Vorteil. Die Preise steigen aber auch hier. Und nicht gerade wenig, schon weil mit jeder Erhöhung ja auch die darauf berechnete Mehrwertsteuer steigt.
Nun ist es nicht so, dass wir kurz davor stünden "trocken zu fahren". Ein Sprecher der belgischen Erdöl-Lobbyorganisation "Energia" warnte auf Rückfrage im BRF vor Panik: Aus Nahost stammten nur noch zehn Prozent des Rohöls für den belgischen Markt. Den Preis für Förderung und Lieferung von Rohöl bestimmt freilich der volatile Weltmarkt.
Der perverse Effekt des Einsatzes von Erdöl als Waffe ist, dass er gerade den Kriegstreibern in die Karten spielt. Mit Blick auf seine grottigen Umfragewerte kann es US-Präsident Donald Trump zwar nicht recht sein, wenn der Spritpreis an amerikanischen Zapfsäulen steigt. Völlig ungeniert tönt er aber, dass ein hoher Ölpreis für einen großen Erdölproduzenten wie die USA gut sei und sich damit viel Geld verdienen lasse, was für ihn und seine Börsenspekulanten auch so zutreffen dürfte.
Von einem hohen Ölpreis profitiert auch Kriegstreiber Putin, der gleichzeitig die Energieinfrastruktur in der Ukraine systematisch zerstört und damit die Zivilbevölkerung trifft. Im aktuellen Engpass findet er willfährige Abnehmer und darf sich diebisch darüber freuen, dass die USA ihre Sanktionen lockern.
Und nun? Zunächst hängt vieles davon ab, wie lange der Krieg im Nahen Osten dauert. Trumps eigenmächtige Andeutungen geben wenig Trost. Laut Machiavelli kann man einen Krieg beginnen, aber niemals beenden, wenn man will. In diesem Fall sind wir ganz sicher nicht am Drücker. Und wir sollten auch tunlichst die Finger davon lassen, uns von zweifelhaften Partnern wie Saudi-Arabien in diesen Krieg hineinziehen zu lassen.
Stattdessen sind wir gut beraten, uns unabhängiger zu machen: von volatilen Märkten, von volatilen Staatenlenkern und von fossilen Brennstoffen sowieso. Nicht nur wegen des Geldbeutels.
Stephan Pesch