Männer wie Trump kennen keine Scham, keinen Anstand, keine zivilisatorischen Normen, keine Gesetze und keine Grenzen. Weder privat noch geschäftlich noch politisch. Für sie gilt einzig und allein das Recht des Stärkeren, sie sind Raubtiere. Wer sich nicht unterordnet, muss gebrochen und vernichtet werden.
In diesem Sinn kann man die jahrzehntelange Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten mit einer gewalttätigen Ehe vergleichen. Irgendwann muss es zwar eine wie auch immer geartete gemeinsame Basis gegeben haben, sonst hätte man sich ja nicht aneinander gebunden. Aber diese Zeit ist längst vergangen.
Wie in jeder Beziehung lagen natürlich auch Europa und die USA nicht immer auf der gleichen Wellenlänge, gab es mehr oder weniger ernste Krisen, die aber immer wieder gekittet werden konnten. Auch und gerade, weil trotz aller Differenzen auf beiden Seiten des Atlantiks immer klar war, dass man zusammen besser da stand in der Welt als allein. Das sagt es im Prinzip auch schon: Es war nie eine Liebes-, sondern eine Vernunftehe zum beiderseitigen Vorteil.
Aber das Ende des Kalten Kriegs brachte den zumindest temporären Wegfall der tödlichen Bedrohung aus dem Osten. Der größte äußere Zwang war weg, der beide trotz Differenzen immer wieder hatte zueinander finden lassen. Amerika und die Alte Welt lebten sich immer weiter auseinander – und zwar schon lange vor Trump.
Die Anfänge der Entwicklung liegen, wie gesagt, schon weiter zurück, aber es war Donald J. Trump, der die Verwandlung der Vereinigten Staaten zum Schläger-Ehemann vollendete. Schon in seiner ersten und erst recht seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit musste sich Europa von ihm konstant öffentlich erpressen, demütigen und verprügeln lassen. Und wehe, Europa wagte auch nur leisen Widerstand – Trumps hemmungsloser Machthunger wird wohl nur noch durch seinen Rachedurst übertroffen.
Wobei er auch nicht zögert, eigentlich Unbeteiligte in seine grausamen Spielchen einzubeziehen. Nicht umsonst führten die europäischen und NATO-Partner seit Jahren einen Eiertanz auf, für den man sich nur schämen kann, für den es realpolitisch aber angeblich keine Alternative gab. Alles in der (wie sich immer wieder gezeigt hat vergeblichen) Hoffnung, dass Trump nicht wieder seinen Gürtel rausholte.
Jetzt steht Europa wieder da mit Blutergüssen und einem blauen Auge, froh, offenbar noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein. Zumindest, solange die Aufmerksamkeit des Göttergatten auf andere Opfer gerichtet ist.
War es dieses Mal also endlich der berühmte Tropfen zu viel, der das Fass zum Überlaufen bringt beziehungsweise die Frau dazu, die Scheidung einzureichen? Oder wird Europa sich wieder der Wahnvorstellung hingeben, dass Trump irgendwie kontrolliert werden beziehungsweise zur Vernunft gebracht werden kann, dass die Beziehung doch noch eine Chance verdient hat?
Man kann wirklich nur hoffen, dass die Europäer demonstrativ lächeln und Trump noch ein kaltes Bier, ein paar Burger und eimerweise Glitzerkram und Preise bringen, um ihn ruhigzustellen. Und dass sie gleichzeitig heimlich die Koffer packen, um sich ein eigenes, unabhängiges Leben ohne Amerika aufzubauen.
Weil das die einzige Zukunft ist, die Europa hat. Jedenfalls ein Europa, das diesen Namen noch verdient und das kein Vasallenstaat von Trumps Gnaden werden will. Denn eines sollte Europa nie vergessen: Trump und seine Administration haben schon mehrfach öffentlich gesagt, dass Europa in seiner heutigen Form vernichtet werden muss. Und wie bei einem gewalttätigen Ehemann, der immer wieder krakeelt, dass er seine Frau umbringen wird, ist das eine Drohung, die man ernst und wörtlich nehmen sollte.
Boris Schmidt