Waren das noch Zeiten, als Orakel gerade "zwischen den Jahren" Hochkonjunktur hatten. Kristallkugeln deuten, Knöchelchen werfen und Kaffeesatz lesen, vor Urzeiten gab es auch mal so etwas wie Zinn gießen. Das und andere Formen des In-die-Zukunft-Schauens sind Antworten auf ein urmenschliches Bedürfnis nach Orientierung, nach Verlässlichkeit, nach Sicherheit. Wer lässt sich schon gerne aufs Ungewisse ein.
Darum gibt es solche Gepflogenheiten auch in praktisch allen Kulturen, so unterschiedlich entwickelt sie sein mögen - nach unseren Maßstäben. Zu dieser Kategorie gehören auch irgendwann nicht mehr hinterfragte Rituale: "Same procedure as every year."
Dass die Hellseher, Wahrsager und Propheten keinen blassen Schimmer haben, was morgen ist - darüber wird gerne hinweggesehen. Wir brauchen uns nur an den Hype um den Kraken Paul zu erinnern, der bei seinen Fußballwetten allerdings über jeden Betrugsverdacht erhaben war und vor mehr als 15 Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Ob er das selbst im Voraus geahnt hatte (also den Hype, der um ihn gemacht wurde)?
Heute, so behaupte ich mal, käme Krake Paul auch mit seinen acht Armen nicht mehr nach beim Zählen. Und damit meine ich gar nicht die aufgeblähte Fußball-WM der blasierten Infantino und Trump, auf die ich keinen Pfifferling geben würde.
Gemeint sind die vielen Unwägbarkeiten, Unsicherheiten und ... Krisen, was ja nichts anders heißt als: Wendepunkte. Ein Jahreswechsel ist ein Witz dagegen.
An solchen kritischen Wendepunkten versagen gewohnte Bewältigungsstrategien. Es entsteht ein Gefühl von Kontrollverlust, Überforderung und Angst. Auslöser können einschneidende Lebensereignisse sein wie Trennung, Jobverlust, Krankheit oder Trauer um einen Angehörigen. Oder aber große gesellschaftliche Probleme wie der Krieg in der Ukraine, Pandemien wie Corona, Naturkatastrophen wie das Sommerhochwasser vor viereinhalb Jahren.
Und solchen gesellschaftlichen Wendepunkten begegnen wir wegen der Informationsüberflutung pausenlos und ungefiltert. Sicher, auch die Menschen in unserer kleinen, behüteten Gemeinschaft haben schon ganz andere Zeiten durchlebt und durchgestanden. Selten aber war das, was man im Französischen "les balises" nennt - die "Wegmarkierungen" - so undeutlich und irreführend.
Hinzu kommt, dass wir mit unserer menschlichen Intelligenz kaum ermessen können, wohin uns die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in den kommenden Monaten und Jahren führen wird. Fast wäre ich versucht, die KI zu fragen, wie es weitergeht.
Noch scheint sie nach dem Prinzip zu funktionieren, dass sie die Fragestellung auf den Fragenden zurückwirft, so wie es im Grunde immer schon Hellseher, Wahrsager und Propheten getan haben. Aber wer weiß das schon so genau.
Stephan Pesch