Es soll Leute geben, die es fertigbringen, im Urlaub aufs Smartphone zu verzichten. Das fällt unter "handyfreie Zeit" und hat beinahe etwas von Heilfasten oder "Detox" … ist aber etwas ganz anderes als das, was wir hier besprechen, denn dieser Verzicht beruht auf Freiwilligkeit und Selbstdisziplin.
Für die Schüler, die auf den Ernst des Lebens vorbereitet werden sollen, gilt das nicht (mehr). Für sie gilt ab Montag ein generelles Nutzungsverbot für Handys - einschließlich der Pausen auf dem Schulgelände. Und das ist gut so.
So neu ist die Regelung ja nicht. Schon vorher haben Schulen auch in Ostbelgien ihren Schülern nahegelegt, im Unterricht und selbst in den Pausen aufs Handy zu verzichten. "Schnupperer", die wir im Rahmen der Berufswahlvorbereitung bei uns begrüßen durften, fanden es … gut! So bleibe man in der Klasse konzentrierter, schaue nicht ständig aufs Display und könne sich auf dem Schulhof nochmal miteinander unterhalten.
In der Französischen Gemeinschaft, wo man uns in Sachen Ferienkalender voraus ist, gilt ab diesem Schuljahr ebenfalls ein Handynutzungsverbot an Schulen. Zur "Rentrée" haben die Kollegen vom RTBF-Kinderfernsehen Niouzz Primarschüler befragt, nach dem Motto: "Kindermund tut Wahrheit kund!" Und siehe da: die Kinder plauderten aus dem Nähkästchen, wie ihre Eltern nicht mal am Essenstisch den Blick vom Smartphone abwenden oder das ach so dringende Telefonat aufschieben konnten. Trotz Aufforderung durch die Kinder. So viel zur Vorbildfunktion. Die Geschichten, die wir am Montagmorgen in Ostbelgien hören können, dürften in eine ähnliche Richtung gehen.
Dabei scheint das Thema die Eltern doch mehr umzutreiben als alles andere: Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung macht sich die Hälfte von ihnen Gedanken über den Medienkonsum ihrer Kinder. Er bereitet ihnen weit mehr Sorgen als fehlende Motivation oder schlechte Schulnoten. Das dürfte in erster Linie mit den Inhalten zu tun haben, denen die Kinder im Netz begegnen. Darum ist die zeitlich eingeschränkte Nutzung des Smartphones nur ein Schritt zu einem ausgewogenen und verantwortungsvollen Umgang mit Bildschirmmedien. Das kann und soll - zum Teil - die Schule vermitteln. Hier sind aber gerade die Eltern gefordert - so sehr sie sich überfordert vorkommen.
Darum läuft es wohl auf abgestufte Altersvorgaben bei der Nutzung sozialer Medien hinaus, wie sie zuletzt noch der Europaabgeordnete Pascal Arimont forderte - oder sein deutscher Kollege Hendrik Streeck. Genau, das ist der Virologe aus der Corona-Zeit. Jetzt ist er Beauftrager der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. Streeck ist gegen generelle Handyverbote in Schulen. Aber auch seine Altersbegrenzung ist umstritten, denn Kinder hätten ein Recht auf digitale Teilhabe. Nur ist das Problem von Cybermobbing, Manipulation und jugendgefährdenden Inhalten nicht geklärt, ganz abgesehen von Risiken wie Schlafstörungen oder Konzentrationsproblemen durch übermäßigen Bildschirmgebrauch. Die Verantwortung für altersgerechte und sichere Angebote den Plattformen zu überlassen, wird nicht funktionieren.
Beim ebenfalls schon erfolgten Schulstart in Nordrhein-Westfalen wurde eine Schülersprecherin aus Alsdorf zitiert, sie habe ihr Handy fast zu Hause vergessen … an der Schule braucht sie es eh nicht. Seit dem Frühjahr gilt dort ein striktes Handyverbot für alle Jahrgänge. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Stephan Pesch