Auf dem Buchdeckel prangen drei Konterfeis: links Wladimir Putin, rechts Donald Trump und in der Mitte Marine Le Pen oder "La Présidente". Darüber ein Aufkleber mit der Aufschrift: "Und wenn der Albtraum wahr würde …"
Das Buch, eine Graphic Novel, stammt aus dem Frühjahr 2017. Es ist der dritte Teil einer Reihe, die 2015 aufgelegt wurde: Ihre Autoren, François Durpaire und Farid Boudjellal sahen da schon Ereignisse wie den Brexit oder die Wahl von Donald Trump voraus. Und einen Wahlsieg von Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017.
Dazu kam es dann doch nicht: Bei der Stichwahl unterlag sie dem späteren Amtsträger Emmanuel Macron - wie auch fünf Jahre danach. 2027, so orakelten Meinungsumfragen, werde sie nun wohl an der Reihe sein.
Bis ihr Anfang dieser Woche ein Gericht für fünf Jahre die Wählbarkeit absprach. An dem Schuldspruch gibt es wenig Zweifel: zu deutlich zeigte sich, wie "das System" Le Pen über Jahre Gelder des europäischen Parlaments veruntreut hat, für die eigene Partei, ja für den eigenen Clan - Vetternwirtschaft vom Feinsten. Dafür gab's Freiheits- und Geldstrafen und eben den Verlust des passiven Wahlrechts für fünf Jahre.
An und für sich nicht so außergewöhnlich: Das kommt in Frankreich jährlich tausendfach vor. In Belgien, wir erinnern uns, traf es so prominente Vertreter wie Alain Mathot oder Anne-Marie Lizin. Oder in der Agusta-Affäre Guy Spitaels, Guy Coëme und Willy Claes. Oder - jüngeren Datums - Dimitri Fourny, weil er in Neufchâteau mit falschen Wahlvollmachten manipuliert hatte.
Bei Le Pen trat diese Strafe mit sofortiger Wirkung ein, obschon sie in Berufung geht. Das Gericht begründete das mit der fehlenden Einsicht und mit der möglichen Wiederholungsgefahr. Vor allem aber trifft es den Kern: geht es hier doch in erster Linie um den Bruch des Vertrauens, das mit der Ausübung eines Wahlamtes verbunden ist.
Marine Le Pen und ihre Anhänger schreien nun Zeter und Mordio, sprechen von einem politisch motivierten Urteil, suhlen sich in der Opferrolle - so als ob da vorher nichts passiert wäre. Nicht gut fürs Image, wenn selbsterklärte Saubermänner dabei erwischt werden, wie sie mit schmutzigen Tricks arbeiten. Dabei ist Marine Le Pen seit Jahren bemüht, sich und ihrer Partei reinzuwaschen: für die Präsidentschaftswahl braucht sie Wählerschichten jenseits der eigenen Anhängerschaft.
Erst einmal scheint sich die gespielte Empörung auszuzahlen: Ihr Rassemblement National hat diese Woche einen Zuwachs an Mitgliedern erhalten und wollte fürs Wochenende mobilisieren. Wichtig, dass die anderen Parteien und Wähler klar machen, wer hier für bzw. wer gegen die Demokratie steht.
Die französische Justiz hat ihre Arbeit gemacht, der Rechtsstaat seine Stärke bewiesen. Es wäre gut, wenn es mit dem Berufungsverfahren voranginge, wie schon signalisiert wurde.
In der fiktiven Trilogie "La Présidente" aus den Jahren 2015 bis 2017 wird die Präsidentin Marine Le Pen nicht verhindert. Die Geschichte zeigt aber auch (Vorsicht: Spoiler!) was danach kommt: ein neuer demokratischer Aufbruch. Die darin beschriebene Zeitspanne bis Ende 2024 haben wir in der Realität schon hinter uns gebracht. Warum also Zeit verlieren? Auf dem ersten Band der Trilogie gab es auch einen Aufkleber - mit der Aufschrift: "Ihr könnt nicht sagen, ihr hättet es nicht gewusst."
Stephan Pesch