Kommentar: Die Frage nach der Priorität

Das Diabetes-Präparat Ozempic ist zurzeit nur noch schwer in belgischen Apotheken zu bekommen. Grund dafür ist, dass Ozempic auch von Menschen gekauft wird, die gar nicht unter Diabetes leiden, sondern lediglich abnehmen wollen. Diese Meldung hat Anfang der Woche für einiges Aufsehen gesorgt.

BRF-Redakteur Kay Wagner

BRF-Redakteur Kay Wagner (Bild: Alexander Louvet/BRF)

Medizin ist für Kranke da. Gesunde Menschen brauchen keine Medizin. Wer Diabetes hat, der gilt in unserer Gesellschaft als krank. Diesen Menschen fehlt das Hormon Insulin oder das Hormon wird von ihnen in zu geringen Mengen produziert.

Dieser Mangel führt zu Stoffwechselproblemen, die weitere Schäden im Körper verursachen können: Augenschäden bis hin zur Erblindung, eingeschränkte Funktion der Niere bis zum völligen Nierenversagen oder auch Krebs sind nur einige dieser Folgekrankheiten, die durch Diabetes entstehen können.

Um Menschen mit Diabetes zu helfen, hat ein dänischer Pharmakonzern das Medikament Ozempic entwickelt. Es senkt den Blutzucker von Diabetes-Kranken. Sie können dank des Präparats weniger Angst habe, eine schwerwiegende Folgekrankheit zu entwickeln.

Ozempic hat aber auch den Effekt, dass Menschen Pfunde und Kilos verlieren. Für Diabetes-Patienten ist das nebensächlich, aber interessant für andere Menschen: Nämlich solche, die an Übergewicht leiden, und solche, die einfach gerne schlanker sein wollen. Hier gilt es zu unterscheiden.

Denn auch wer stark übergewichtig ist, kann nicht mehr als gesund gelten. Auch diese Menschen sind beim Arzt gut aufgehoben. Starkes Übergewicht kann auch zu Folgekrankheiten führen. Unter anderem auch zu Diabetes.

Wenn ein Arzt einem stark übergewichtigen Menschen also Ozempic verschreibt, dann kann man den Arzt verstehen. Zwar ist Ozempic in Belgien noch nicht als Medikament anerkannt, um abzunehmen. Die Krankenkassen erstatten die Kosten nicht – anders als bei Diabetes-Patienten. Aber immerhin wird das Medikament verschrieben, um Kranken zu helfen.

Wenn ein Arzt einem an sich gesunden Menschen Ozempic verschreibt, der ohne krankhaftes Übergewicht einfach nur ein paar Kilos abnehmen will, dann ist das in dem Moment bedenklich, in dem Ozempic zur Mangelware wird. Wie aktuell in Belgien.

Zurzeit – so scheint es – können nicht alle Diabetes-Patienten in Belgien Ozempic erhalten, die es eigentlich nötig hätten. Und das vor allem deshalb, weil Ozempic zu oft von Ärzten auch als Schlankheitsmittel an eigentlich gesunde Menschen verschrieben wird.

Das ist eine Schieflage, die nicht zu akzeptieren ist. Der Aufruf der Diabetes-Liga an alle Ärzte, Ozempic wirklich nur noch dann zu verschreiben, wenn ein entsprechendes Krankheitsbild vorliegt, ist deshalb nur zu unterstützen.

Kranke müssen Vorrang haben bei dem Erhalt von Medikamenten, die ihre Krankheit lindern. Denn Medizin ist eben für Kranke da. Gesunde Menschen brauchen keine Medizin.

Kay Wagner