Kommentar: Eupener Entbindungsstation schließt – ein Stück Identität geht verloren

Es kam nicht überraschend. Doch die Gewissheit schmerzt: Die Entbindungsstation des Eupener Krankenhauses schließt. Vorübergehend, heißt es, doch eine mögliche Wiedereröffnung steht und fällt mit einem Ärzteteam. Mit der Schließung der Eupener Entbindungsstation verliert die DG ein Stück ihrer Identität.

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen (Bild: Achim Nelles/BRF)

Es war am 28. August 1934, als das erste Kind im Eupener St. Nikolaushospital zur Welt kam. Ihm sollten ganze Generationen von waschechten Eupenern folgen. 87 Jahre lang war die Entbindungsstation des Eupener Krankenhauses also für alle da. Doch damit ist bald Schluss, ab Oktober können hier keine Geburten mehr stattfinden. Die ersten Reaktionen gehen unter die Haut: „Es ist ein Drama für die gesamte Region, unser Herz blutet“, heißt es aus Fachkreisen.

In einer Mitteilung schreibt das Krankenhaus: „Ursache (für die Schließung) ist der Mangel an Gynäkologen“. Noch Mitte August war man hoffnungsvoll: „Es bleiben unseren Verantwortlichen noch etwa zwei Monate, um das Team der Entbindungsstation auf ärztlicher Ebene neu zu stärken“, ist auf der Facebook-Seite des Krankenhauses zu lesen.

Knapp vier Wochen später sieht das Haus keine Alternative mehr: Werdende Mütter sollen ab Oktober in die CHC Klinik nach Heusy ausweichen. Deutschsprachige Hebammen würden dorthin mitziehen. Doch wieviele genau das sein werden und ob sie tatsächlich rund um die Uhr zur Verfügung stehen werden … das alles, wie noch viele weitere praktischen Fragen, gilt es noch zu klären.

Mit dem Zeigefinger auf vielleicht „Schuldige“ dieser Entwicklung zu verweisen, ist zu kurz gegriffen. Sicherlich hätte das Krankenhaus schon vor zehn Jahren gegensteuern müssen. Intensive Bemühungen, neue Gynäkologen für Eupen zu gewinnen, konnten auf lange Sicht nicht den erhofften Erfolg bringen. Doch die Sache ist komplexer als das.

Auf der einen Seite gibt es den internationalen Trend der Rationalisierung. Zuletzt empfahl das föderale Expertisezentrum für das Gesundheitswesen (KCE) im letzten Januar die Schließung von 17 kleineren Entbindungsstationen. Dazu sollte auch Eupen gehören. Allein diese Empfehlung macht Eupen zu einem wenig attraktiven Arbeitsort für junge Mediziner. Karriereperspektiven sehen anders aus.

Zum anderen ist es der akute Fachkräftemangel, der Eupen nun das Genick bricht. Es brauche ein Team von mindestens vier bis fünf Gynäkologen, um die Station lebendig zu halten. Zwar gibt es mindestens vier bis fünf junge Gynäkolgen im Eupener Raum, die sich zusammenschließen könnten. Doch diese Fachkräfte sind junge Frauen, die zum Teil selbst Mütter sind. Eng getaktete Bereitschaftsdienste anzunehmen, Tag und Nacht verfügbar und verantwortlich zu sein, das alles können sie nicht leisten. Das alles wollen sie nicht leisten. Eine Entwicklung, die bitter aufstößt.

87 Jahre also durfte die Eupener Entbindungsstation alt werden. Es war eine Erfolgsgeschichte, geprägt von meist großem Vertrauen der werdenden Mütter – Vertrauen in die dort ansässigen Ärzte und Vertrauen in ihr hoch professionelles sowie einfühlsames Team von Hebammen und Geburtshelfern. Unverzichtbar und unersetzlich ist das Gefühl, sich medizinisch in Sicherheit zu wissen, sich gut versorgt zu fühlen, sofort und jederzeit.

Kaum ein Moment ist emotionsgeladener als eine Geburt. Das Gefühlsspektrum reicht von unendlichem Glück und bis hin zu unendlicher Trauer. Unverzichtbar und unersetzlich ist es da, Menschen um sich haben, die dieselbe Sprache sprechen. Sofort und jederzeit. Da wären wir beim Thema „Sprache“: Ist es denn nicht die deutsche Sprache, unser Kulturgut, die unsere Identität innerhalb Belgiens ausmacht?

In diesen Tagen werden die letzten Einträge ins Geburtsregister der Stadt Eupen gemacht. Künftig wird es nicht mehr heißen, „geboren in Eupen“, sondern „né(e) à Verviers“. Für deutschsprachige Belgier stirbt damit nicht nur eine Entbindungsstation, sondern auch ein Stück Identität.

Simonne Doepgen