Kommentar: Zeitliche Fehleinschätzung

Das Tempo der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan hat alle überrascht. Und warf Fragen auf: über die Entscheidung zum Abzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten, über die Gegenwehr der von ihnen ausgebildeten afghanischen Militärs und darüber, was die 20 Jahre an militärischer Intervention und demokratischem Aufbau gebracht haben. Wichtiger ist aber die Frage, welche Konsequenzen aus dem Fiasko folgen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Wie verzweifelt muss jemand sein, der sich an die Bordwand oder ans Fahrgestell eines Transportflugzeuges klammert, um das Land verlassen zu können, koste es, was es wolle – unter Umständen das Leben, wie andere Bilder suggerierten?

Schreckliche Bilder wird es in den kommenden Wochen noch mehr geben, soll der deutsche Kanzlerkandidat Armin Laschet in einer parteiinternen Sitzung gesagt haben, besorgt um mögliche Hinrichtungen durch die radikalislamischen Taliban.

Dass sie im Rausch ihres schnellen Triumphs Kreide gefressen haben, um international nicht völlig isoliert zu werden, liegt auf der Hand. Trauen darf man ihnen nicht.

Das werden viele Afghanen auch von den USA und ihren Verbündeten denken. Müssen sie sich doch schmählich im Stich gelassen fühlen. Im Alleingang hat sich der Weltpolizist auf Abruf lieber für ein Ende mit Schrecken entschieden. Dass es so rasant kam, spricht nicht gerade für ein gründliches Verständnis der örtlichen Gegebenheiten. Dessen Fehlen erklärt wohl auch die Intervention insgesamt – bei allem Wissen um vorher schon in ihrer Mission gescheiterte Sowjets oder Briten.

Ordnungspolitische Konzepte wie Nation-Building dürften spätestens nach dieser Erfahrung überholt sein. So oder so ähnlich hat es auch der schon eingangs erwähnte Kanzlerkandidat Laschet diese Woche öffentlich formuliert. Außer Spesen nichts gewesen – allerdings auf dem Rücken der örtlichen Bevölkerung, der entsandten Militärs, ihrer Helfer, und – wie nicht wenige diese Woche vorrechneten – der heimischen Steuerzahler.

Aber was ist die Alternative? Nichtstun? Sicher keine Option – schon mit Blick auf die zu erwartenden Flüchtlinge. Jetzt, so schnell es geht, Bürger mit europäischem Pass, Familienangehörige oder vormals behilfliche Ortskräfte auszufliegen ist das eine. Wegen der mangelhaften Vorbereitung verläuft das schon chaotisch genug. Das andere ist der Umgang mit denen „ohne Fahrschein“, die das Land über kurz oder lang verlassen werden.

2015 dürfe sich nicht wiederholen, sagte der hier nun zum dritten und letzten Mal zitierte Armin Laschet, kaum dass die Taliban in Kabul einmarschiert waren. Klar, es herrscht Wahlkampf in Deutschland. Klingt aber auch nach Offenbarungseid für einen, der Angela Merkel als Kanzler nachfolgen will in einem Land, das neben Frankreich die politisch-moralische Führung in Europa beansprucht. Und Vorsicht: auch bei den Franzosen stehen ja bald Wahlen an.

Ganz falsch liegt Laschet nicht mit seinem Satz: So stümperhaft, schlecht vorbereitet und unkoordiniert wie 2015 darf es nicht wieder laufen. Seitdem sind sechs Jahre vergangen. Und was ist passiert? Ein anrüchiger Deal mit der Türkei, der erpressbar macht. Der belarussische Diktator machte es noch zuletzt vor.

Das im vergangenen Herbst von der Europäischen Kommission vorgelegte Migrations- und Asylpaket? Ist immer noch nicht durch, weil Mitgliedstaaten, vor allem im Osten der EU, blockieren. So bleibt es bei Ad-hoc-Aktionen wie an der Grenze zwischen Litauen und Belarus. Vor diesem Hintergrund ist interessant zu beobachten, was passiert, wenn Lukaschenko Flüchtlinge über die Grenze zu Polen durchwinkt.

Vier Jahre vergingen, bis syrische Kriegsflüchtlinge aus ihrer aussichtlosen Lage in den angrenzenden Ländern verstärkt nach Europa drängten. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass den Europäern wieder so viel Zeit bleibt. Wie das mit der zeitlichen Fehleinschätzung von Prozessen ist, haben wir letzte Woche in Afghanistan gesehen.