Kommentar: Geburtsort Eupen: Was „Heimat“ leistet und sich leisten kann

Auf der Entbindungsstation am Eupener Krankenhaus kommen zu wenige Kinder zur Welt. Dadurch kann die Station nicht rentabel arbeiten und sollte deswegen geschlossen werden. Diese Schlussfolgerung einer Studie hat im Eupener Land hohe Wellen geschlagen. Ein Problem, das mehr Bestandteile hat als nur Medizin und Ökonomie.

BRF-Programmchef Olivier Krickel

BRF-Programmchef Olivier Krickel (Bild: Achim Nelles/BRF)

Geburtsort: Eupen – inzwischen finden ganze Generationen aus dem Norden der DG den Eintrag in ihrem Pass. Auch wenn es nur um einen Verwaltungsakt geht, ist damit die erste Ortswurzel geschlagen. Wenn es so etwas wie eine Identität der deutschsprachigen Belgier gibt, dann gehört die Geburt dazu. Das hat auch die Politik erkannt, wenn sie erklärt, dass Ostbelgien von der Wiege bis zum Tod eine Region zum Wohlfühlen sein soll. Aber hoppla, die Geburt könnte schon bald nicht mehr dazu gehören.

Rational darf man solche Argumente als romantisch verklärten Unfug vom Tisch wischen. Wenn alles glatt läuft, ist man ohnehin nach wenigen Tagen wieder zu Hause – egal, ob ein Kind in Verviers, Lüttich, Aachen oder Simmerath zur Welt kommt. Wenn eine Schwangere zur Entbindung aus welchen Gründen auch immer in das zweitnächste Krankenhaus fährt, nimmt ihr das sicher auch niemand übel – vom nächstgelegenen Krankenhaus mal abgesehen.

Gefühlt steckt aber viel mehr dahinter. Der Begriff „Heimat“ hat viele Definitionen, eine lautet: „Der Ort, in dem man geboren wurde“. Das Gefühl Heimat haftet so stark, dass manche Eltern sogar gegen alle medizinischen Einwände ihr Kind zu Hause, in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen möchten.

Dann nach Verviers auszuweichen, mag bedeuten, in die Fremde zu fahren, auch wenn Eltern perfekt Französisch – als Fremdsprache – sprechen. Eine Geburt ist kein medizinischer Akt wie jeder andere, schließlich ist Schwangerschaft auch keine Krankheit. Und bei der Entbindung steckt mehr dahinter als das klassische Sprachenproblem. Es geht um einen Teil der Identitätsfrage. Und dann ganz schnell auch um die Frage, was ist uns dieser Teil der Identität wert?

Natürlich kann Belgien seine Gesundheitsversorgung nicht nur kostengünstiger, sondern auch medizinisch besser aufstellen als heute. Das Netzwerkkonzept von Gesundheitsministerin De Block sollte für Beitragszahler und Patienten bei weitem mehr Vor- als Nachteile generieren. Und ja, Verlierer sind vor allem die, die bisher von einer kleinteiligen Gesundheitsversorgung profitieren. Da werden auf kleine Krankenhäuser wohl schon bald weitere unangenehme Überraschungen zukommen. Die wiederum könnten Sogwirkungen und Kollateralschäden hinterlassen. Angenommen, die Entbindungsstation in Eupen schließt tatsächlich. Ist es dann für Gynäkologen noch attraktiv, eine Praxis im Eupener Umland zu führen? Was bedeutet es für eine Kinderstation, wenn Frühchen und Neugeborene als mögliche Patienten wegfallen?

Entbindungen gehören emotional sicher zur Gesundheits-Grundversorgung. Medizinisch gäbe es wohl keinen Einwand, Geburten in andere Krankenhäuser als das Eupener zu verlegen. Ökonomisch mag das sogar geboten sein. Politisch läuft es der zunehmenden Vergemeinschaftung Belgiens entgegen. Mit ihr geht nämlich zwangsläufig einher, dass sich die eigene Identität stärker auf die eigene Gemeinschaft fokussiert. Entscheidend wird also sein: Gelingt es, den Föderalstaat davon zu überzeugen, dass die Geburt ein Teil der Identitätsfrage ist und die Geburt daher mehr kosten darf als sie müsste? Und: Wäre die Deutschsprachige Gemeinschaft gegebenenfalls bereit, diese Mehrkosten in welcher Weise auch immer selbst zu tragen?

Olivier Krickel