Kommentar: Das schiefe Bild von PISA

Während viele Schüler für die Weihnachtsprüfungen lernen, wurden in dieser Woche schon Zeugnisse verteilt: Anfang der Woche zunächst die Ergebnisse der DELF-Testung über die Französischkenntnisse der Schüler in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Und dann auch gleich die jüngste PISA-Studie. So interessant die Vergleiche auch sind, man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, findet Stephan Pesch in seinem Kommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Im Alter von zwei bis sechs Jahren ist die Welt noch in Ordnung: Da erscheint, um diese Jahreszeit herum, ein Mann mit weißem Bart und schlägt in einem großen Buch nach, ob die Kinder brav gewesen sind. Sind sie dem Glauben an den Nikolaus dann entwachsen, müssen sich die Schüler an andere Maßstäbe gewöhnen lernen. Dazu gehören neben den schuleigenen Bewertungskriterien übergreifende Vergleichsstudien wie DELF oder PISA.

Konnte Bildungsminister Harald Mollers Anfang der Woche noch zufrieden verkünden, „dass die Französischkompetenzen der Schüler weiterhin gut und konstant im Vergleich zu 2018 sind“, folgte nur einen Tag später die kalte Dusche: „Ostbelgiens Schüler lassen stark nach“ oder „PISA enttäuschend für Ostbelgien“, hieß es da. Er selbst spricht lieber von „ernüchternd“

In Deutschland sprechen sie noch heute vom „PISA-Schock‘“, wenn sie an die ersten Erhebungen im Jahr 2000 zurückdenken. Inzwischen sehen sie das auch dort etwas differenzierter: Der Rückgang, der nach dem zwischenzeitlichen Aufwärtstrend nun festzustellen ist, wird von den einen als der Untergang des Abendlandes wahrgenommen, von anderen angesichts des stark veränderten Bildungsumfelds (Stichwort: Migration) schon beinahe als Fortschritt.

In Flandern, wo sie sich lange auf die Schulter klopfen durften, herrscht Bestürzung. Zwar sind die Flamen in Belgien immer noch mit Abstand Klassenprimus und liegen klar über dem OECD-Durchschnitt. Doch kratzen Einbußen im internationalen Ranking am Selbstwertgefühl.

PISA soll ja gerade die Möglichkeit schaffen, sich mit anderen zu vergleichen, mit anderen Schulsystemen und Methoden. Und ich bin mir sicher, dass demnächst jede Menge Unterrichtsexperten nach Estland geschickt werden, um sich in Sachen Digitalisierung etwas abzuschauen.

Ob ein Vergleich mit vier ausgesuchten chinesischen Metropolregionen, die den Spitzenplatz belegen, etwas bringt, bezweifele ich aber. Nicht nur wegen der Hinweise, dass manche Länder tricksen und schlechtere Schüler am Pisa-Prüfungstag mal eben krankgemeldet sind oder die Schule schwänzen. Und selbst wenn nicht: Wer möchte schon das Schulsystem aus China übernehmen?

Wichtiger sind da Rückschlüsse auf Defizite im eigenen Bildungssystem. Über allem steht die Frage: Was sollen unsere Schüler lernen? Die gern bemühte Rückbesinnung auf „Lesen-Schreiben-Rechnen“ reicht jedenfalls nicht aus. Das hat der an so gut wie allen Fronten festgestellte Rückgang in der Lesekompetenz gezeigt. Es geht ja nicht darum, Buchstaben aneinander zu reihen, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen.

PISA 2018 hat einen begrüßenswerten nächsten Schritt gemacht, bei dem sich viele Schulen noch schwertun: Die getesteten Schüler sollten an Online-Texten zeigen, wie sie relevante Informationen finden, ob sie zwischen richtig und falsch unterscheiden können, zwischen wesentlich und unwesentlich, ob sie Absichten erkennen können – das „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“. Das ist angesichts der ungehemmten Informationsflut mehr denn je eine zentrale Kompetenz. Und daran hapert es gewaltig. Das darf dann auch beunruhigen.

„Was einfach zu vermitteln ist, lässt sich heute auch einfach digitalisieren und automatisieren“, stellt die OECD fest. Was der Mensch der künstlichen Intelligenz (noch) voraus hat, sind seine kognitiven, sozialen und emotionalen Kompetenzen.

Übrigens: PISA wird das Spektrum der gemessenen Ergebnisse noch erweitern: Beim nächsten Mal, 2021, soll kreatives Denken hinzukommen. Und das gehört ganz sicher zu den Kompetenzen, die nicht nur in der Schule erlernt werden.

Stephan Pesch

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