Grenzenlose Geschmacklosigkeit – ein Kommentar

Der Karneval von Aalst ist inzwischen ebenso berühmt wie berüchtigt. Diesmal hat es der Karneval von Aalst sogar in die internationale Presse geschafft: Auf einem Festwagen waren Puppen zu sehen, die orthodoxe Juden darstellen sollten, die aber fast eins zu eins aus der Nazizeit hätten stammen können. "Alles hat Grenzen", aber man sollte dennoch keine neuen Grenzen setzen.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel (Bild: Achim Nelles/BRF)

„Satire darf alles“. Dieser Satz von Kurt Tucholsky wird gerne bemüht, wenn einer einen Witz in den falschen Hals bekommen hat. Heißt das also, dass man sich schamlos über alles und jeden lustig machen darf? Bedingt. Die entscheidende Einschränkung lautet wohl: Respekt.

Genau davon war man am Sonntag in Aalst weit entfernt. Der örtliche Karneval hat offensichtlich sämtliche Schamgrenzen verloren. So mancher Beobachter traute wohl seinen Augen nicht, als er plötzlich einen Festwagen sah, der mit Puppen dekoriert war, die offensichtlich orthodoxe Juden darstellen sollten. Es war nämlich, man könnte sagen, ein düsteres Echo aus der Vergangenheit.

Karikaturen, die eins zu eins aus der Nazizeit stammen könnten: Der Jude mit Schläfenlocken und Hakennase, der gierig und gemein grinst – und, um das Klischee abzurunden, dann noch ein Geldschrank im Hintergrund. „Diese Karikatur hätte so in ‚Der Stürmer‘ veröffentlicht werden können“, kritisierten jüdische Verbände, also im antisemitischen Hetzblatt der Nazis.

„Darf Satire wirklich alles?“, mag man sich da plötzlich fragen. Nun, die Frage ist wohl, wie man Satire definiert. Natürlich ist Satire von Natur aus piekend, schmerzhaft, giftig. „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht“, schrieb auch schon Tucholsky.

Nur ist das nicht die eigentliche Natur der Satire. Natürlich geht es um den Tabubruch, es ist aber ein zielgerichteter Tabubruch. Man überzeichnet die Realität, um auf einen Missstand, auf eine Fehlentwicklung, auf eine Inkonsequenz hinzuweisen, um diese hervorzuheben, damit sie für jeden sichtbar wird. Und um so dann den Zuschauer zum Umdenken zu bewegen.

Wenn Tucholsky einen Betrunkenen zeigte, dann tat er das, wie er schreibt, nicht, um ihn zu zeigen. Dann tat er das nicht, um sich über den Betrunkenen lustig zu machen. Dann tat er das, um vor den Gefahren von übermäßigem Alkohol zu warnen.

Genau da liegt das Problem bei dem Karnevalswagen von Aalst: Hier werden keine realen Missstände, sondern Vorurteile überzeichnet. Und damit werden diese Vorurteile quasi zelebriert, damit wird das Klischee fast schon in den Rang einer Wahrheit gehoben.

Und der wichtigste Punkt: Hier gibt es keine Message, hier ist die Satire sinnfrei. Es sei denn, die Botschaft der Gruppe war die gleiche wie die von vor 80 Jahren, was man den Karnevalisten nun auch nicht unterstellen will. Die Karikaturen von Aalst sind im Grunde nichts anderes als ein Tabubruch um des Tabubruchs willen. Und das reduziert das Ganze eigentlich auf Hohn und Hetze.

Das ist übrigens nicht die erste Entgleisung im Karneval von Aalst. 2013 paradierten beim Karnevalszug schon Narren in SS-Uniform. Die Gruppe wollte damit Kritik üben an den Positionen der N-VA, die man wohl in die extremrechte Ecke stellen wollte. Wenn das die Absicht war, wenn also die Gruppe seinerzeit einen von ihr als Missstand empfundenen Wesenszug der Partei überzeichnen wollte, dann entspricht das vielleicht noch der Definition der Satire.

Wobei: Geschmacklos ist eine solche Parodie dafür immer noch. Zumal, wenn die Gruppe auch noch von einem Wagen begleitet wurde, der einem Deportationszug nachempfunden war. Inklusive Stacheldraht.

Das alles nur, um zu sagen: Die Narren von Aalst haben diesmal eindeutig übertrieben. Klar: Man darf sich – zumal im Karneval – über alles und jeden lustig machen. Die Frage ist nur: Wie? Beispiel: Charly Chaplin hat es sogar gewagt, in seinem Film „Der große Diktator“ Adolf Hitler durch den Kakao zu ziehen – aber eben ohne respektlos mit dem Leid der Opfer umzugehen.

Und das ist der Punkt: Ob nun gewollt oder ungewollt, aber hier mangelt es einfach an Respekt. Karikaturen wie die von Aalst sind keineswegs harmlos. Sie sind Teil einer Geschichte, einer Tragödie, eines Jahrhundertverbrechens. Karikaturen, die Kampfmittel in einer antisemitischen Hetze waren, die letztlich im Holocaust gegipfelt ist.

Und wenn jemand solche Bilder auskramt, dann hat das nichts mehr mit Humor zu tun. Zu Recht hat die jüdische Gemeinschaft hier Klage eingereicht, zu Recht hat auch die EU-Kommission den Festwagen verurteilt. Solche Bilder gehören einfach nicht in unsere Straßen. Erst recht nicht in Europa.

Schade ist dann allerdings, dass es da keinerlei Einsicht gibt. Schade ist, dass sich Aalst einigelt, dass man sich als Opfer einer Attacke von politisch korrekten Besserwissern sieht, die partout den örtlichen Karneval nicht verstehen wollen, die angeblich den Wagen aus seinem Kontext reißen. Schade, dass man hier die Tradition vorschiebt und dabei so tut, als wolle irgendjemand der Stadt Aalst ihren Karneval wegnehmen.

Muss man also da nicht doch Grenzen setzen? Lieber nicht. Zumindest keine neuen. Grundsätzlich gilt: Meinungs- und Pressefreiheit hört da auf, wo andere Grundrechte verletzt werden oder wo zur Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen aufgerufen wird. Und das ist und bleibt der Maßstab.

Satire vorschnell in die Schranken zu weisen, das könnte nämlich sehr schnell Schule machen. Der Preis wäre einfach zu hoch. Gleiches gilt etwa für die Redefreiheit in Parlamenten oder Gerichtssälen. Es ist nicht, weil einige diese Redefreiheit missbrauchen, dass man sie dafür generell einschränken sollte. Es ist nicht, weil die Anwälte von Mehdi Nemmouche dem Brüsseler Schwurgericht mehr oder weniger direkt die Mär von der jüdischen Weltverschwörung aufgetischt haben, dass man dafür neue Grenzen setzen müsste.

Apropos: Da mag man vielleicht einen Roten Faden sehen. In beiden Fällen wird sorglos, fast fahrlässig mit der Vergangenheit umgegangen. In beiden Fällen wird mit Vorurteilen und Klischees jongliert, die tabu sein müssten. Um es mit dem Philosophen George Santayana zu sagen: „Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Roger Pint

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