Schöne neue Welt 2019

Winterchaos in den Alpen, Wahlnachwehen im Kongo, Wahlversprechen durchdrücken - koste es, was es wolle, bei US-Präsident Donald Trump. Das von guten Wünschen begleitete Jahr 2019 lässt sich nicht gerade gut an. Dabei ist es noch keine zwei Wochen alt. Aber kein Grund, alles schwarz zu malen, meint Stephan Pesch im Wochenkommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es ist mir noch nie so aufgefallen wie vor ein paar Tagen in einer Kölner Buchhandlung. Ganze Regale voll mit Dystopien. Das sind (im Unterschied zu Utopien) Geschichten, die in der Zukunft spielen und schlecht ausgehen. Ein beliebter Lesestoff, wie das große Angebot zeigt. Einer der berühmten Vorläufer war der Roman „Brave New World“, „Schöne neue Welt“, des britischen Schriftstellers Aldous Huxley.

Gleich mehrfach ist sie mir in dieser Woche begegnet, die „schöne neue Welt“. Da war zum einen die Technik-Messe Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Neben praktischen Erfindungen wie dem Brotback-Roboter oder selbstrollenden Koffern wurde unter anderem Funktionswäsche vorgestellt, die den Gesundheits- zustand ihres Trägers überwacht: Körpertemperatur, Herzschlagfrequenz, Bewegungsabläufe … und die rechtzeitig Alarm schlägt, wenn es geboten ist, den Hausarzt aufzusuchen. Ein Segen für den Patienten, für den Arzt und für die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen. Und, mutmaßen die Kritiker, ein ungeheurer Datenfundus für die Krankenkassen.

Was sich nicht alles anfangen lässt mit der Künstlichen Intelligenz! Die deutsche Bundeswehr, so wurde nun von der Verteidigungsministerin bestätigt, setzt darauf, riesige Datenmengen auszuwerten, um weltweit Krisen oder Kriege vorzubeugen: von der Sozialstruktur bis zu den Wirtschaftsparametern. Da fragt man sich, was die Geheimdienste machen. Nun, deren Informationen werden auch dafür gebraucht. Die Schlussfolgerungen und Gegenmaßnahmen sollen dann aber schon noch Menschen übernehmen. Das heißt: die Eingreiftruppe kommt nicht, wie häufig, zu spät, sie muss im Idealfall erst gar nicht eingreifen, weil der Ernstfall abgewendet werden konnte.

So etwas gibt es schon bei der Verbrechensvorbeugung in städtischen Problemvierteln – als „Precrime“ wurde es in der anderen Dystopie beschrieben und verfilmt – mit allen Schattenseiten.

Ironie der Nachrichtenlage: Die datengestützten Krisenvermeidungspläne der Bundeswehr folgten auf das Eingeständnis höchster Stellen, dass sich die Republik von einem 20-jährigen Hacker an der Nase hat herumführen lassen – kein Whistleblower, eher ein Wichtigtuer. Und alle regen sich künstlich auf über Löcher im Netz. Gnädige Stimmen meinen, der junge Mann habe mit seiner blödsinnigen Aktion immerhin der Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten.

Vielleicht passt im Kleinen der ein oder andere etwas genauer darauf auf, wie er seine Daten schützt und was er von sich preisgibt. Im Großen muss es darum gehen, die wie noch nie vorhandenen Datenmengen einem gesellschaftlichen Nutzen zuzuführen. Krankheiten, Krisen oder Kriminalität zu verhindern, ist nicht die schlechteste Option. Abgesichert durch moralische Maßstäbe und durch gesunden Menschenverstand.

An dieser Stelle kommen wir trotz des offensichtlichen Widerspruchs nicht an Donald Trump vorbei. Dass der nach seiner pathetischen „Rede an die Nation“ diese Woche sein Mauerprojekt zu Mexiko mit „common sense“, eben gesundem Menschenverstand rechtfertigt, ist ein Hohn. Nachdem er durch den selbst verbockten Shutdown, die Schließung von Regierungsbehörden, mächtig unter Druck gerät, möchte man ihm unter seiner „Make-America-Great-Again“-Kappe zurufen: Shut up! Einfach mal die Klappe halten.

Stephan Pesch

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