Manchmal sind es ungewollte Anlässe, die zu einem überraschendem Erfolg führen können. Denn wer hätte sich vor einem Jahr träumen lassen, dass die Brüsseler Oper La Monnaie zum Saisonausklang mit einem Musical reüssiert? Laut ursprünglichem Spielplan wollte man jetzt wieder im Stammhaus spielen und die Uraufführung der Oper „Frankenstein“ von Mark Grey war angesetzt. Aber an einen Umzug ins Stadtzentrum ist vorläufig nicht zu denken, die Mühlen der belgischen Städtebau-Verwaltungen mahlen manchmal sehr langsam und somit muss auch in den nächsten Monaten mit dem Palais Opera auf dem Gelände von Tour et Taxis noch Vorlieb genommen werden.
Für „Frankenstein“ musste Ersatz gefunden werden, denn Direktor Peter De Caluwe wollte die Verträge mit den langfristig verpflichteten Solisten nicht aufkündigen. Statt „Frankenstein“ gibt es „Sweeney Todd“. Man könnte fast sagen eine Schauergeschichte ersetzt die andere, denn Stephen Sondheim schrieb ein auf den ersten Blick ebenso grausames wie zynisch unterhaltsames Musical.
Es geht es darum, dass der Barbier Sweeney Todd, der vor Jahren zu Unrecht verbannt worden war, nach London zurückkehrt und erleben muss, wie sein damaliger Gegner, Richter Turpin, seine Tochter Johanna ehelichen möchte. Sweeney Todd sinnt auf Rache. Da kommt ihm die wenig erfolgreiche Fleischpastetenverkäuferin Mrs. Lovett gerade Recht. Sie bringt ihn auf die Idee, einen ehemaligen Barbierkonkurrenten, der ihn wiedererkannt hat, zu töten und - jetzt wird es ganz böse - ihn zu Fleischpasteten zu verarbeiten - Guten Appetit.
Er wird nicht das letzte Opfer bleiben, denn plötzlich brummt der Laden von Mrs. Lovett. Keine Sorge, das Ganze ist mit sehr viel schwarzem Humor erzählt. Da darf auch mal das Blut spritzen, wenn Sweeney Todd wieder zugestochen hat und die Leiche direkt vom Barbierstuhl in den Keller runter gleitet, um dort von Mrs. Lovett im Ofen verarbeitet zu werden. Die Hexe aus Hänsel und Gretel lässt grüßen.
Am Ende wird übrigens Johanna ihren Liebsten, den Matrosen Anthony abbekommen. Allerdings: Ganz so glücklich endet die Geschichte dann doch nicht, denn Sweeny Todd wird eine Bettlerin töten, die niemand anders ist als seine ehemalige Ehefrau, die er für tot hielt, danach wird Tobias Sweeney umbringen.
Wenn man das so hört, kann man sich nur schwer vorstellen, dass es ein amüsanter Abend ist - aber dem ist so. Die Inszenierung von James Brining ist grandios durchchoreographiert, da stimmt jedes Detail und er treibt den Spaß im besten Sinne des Wortes auf die Spitze. Monty Python lässt grüßen. Brinings Produktion wird schon seit einigen Jahren mit großem Erfolg in verschiedenen englischen Häusern gezeigt.
Das Bühnenbild ist einfach und effizient. Einige Container, die als Barbershop oder als das Zimmer Johannas dienen, verschiebbare Metalltreppen, die den Zugang zu den einzelnen Räumen ermöglichen, dazu der Laden der Mrs. Lovett. Da stimmt alles.
Auch die Typisierung der einzelnen Figuren könnte nicht besser sein. Richter Turpin und sein Faktotum Bamford könnten in jeder englischen Fernsehserie auftauchen, der Barbier Pirelli ist eine echte Witzfigur, Mrs. Lovett ist in ihrer Verwandlung von der ungepflegten Pastetenverkäuferin zur billig-glamourösen-erfolgreichen Geschäftsfrau einfach grandios. Das liegt auch an der unglaublich spielfreudigen Carole Wilson, die gesanglich wie schauspielerisch eine Glanzleistung abliefert. Ihr steht der Bariton Scott Hendricks als Sweeney Todd in nichts nach. Ihm gelingt es, die Zerrissenheit des Barbiers darzustellen, die Liebe zur Tochter wie den eiskalten Killer. Eine besondere Erwähnung verdient George Ure als der Junge Tobias. Ihm merkt man die Musicalerfahrung deutlich an.
Das Orchester unter der Leitung von Leo Hussain gibt der Sondheim-Partitur die gewünschten Farben, da darf auch mal der musicaltypische Schmelz nicht fehlen. Noch bis zum 30. Juni steht „Sweeney Todd“ auf dem Spielplan von La Monnaie.
Hans Reul - Fotos: Bernd Uhlig/La Monnaie