Eine Entdeckung: „La Vestale“ von Spontini in der Brüsseler Oper

Die Brüsseler Oper La Monnaie wartet in diesen Tagen mit der dritten Premiere innerhalb von fünf Wochen auf. Eine unglaublich dichte Frequenz. Diesmal ist "La Monnaie" im Cirque Royal zu Gast – das Stammhaus wird bekanntlich derzeit renoviert – und stellt eine echte Opernrarität vor: "La Vestale" von Gaspare Spontini. Eine Produktion mit Licht, aber auch viel Schatten.

"La Vestale" von Spontini in der Brüsseler Oper

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Premierenbesprechung "La Vestale" - Hans ReulMP3

Wohl nur die wenigsten dürften „La Vestale“ bisher gesehen haben. Selbst für altgediente Opernfans ist das Werk von Gaspare Spontini aus dem Jahre 1807 eine Entdeckung. Abgesehen von einer Aufführung in den 1950er Jahren in der Mailänder Scala mit der legendären Callas und einer weiteren Aufführungsreihe unter Ricardo Muti vor rund zwanzig Jahren ist „La Vestale“ von den Spielplänen verschwunden. All zu viel Pathos schien auf der Oper zu ruhen. Und eines muss man dem Dirigenten Alessandro De Marchi lassen: Ihm gelingt es in Brüssel den Staub der Zeit wegzuwischen mit einer zupackenden, der historischen Aufführungspraxis verpflichteten Interpretation. Leider kann die Idee nicht konsequent umgesetzt werden.

Es liegt vielleicht an der für unsere Hörgewohnheiten ungewöhnlichen Orchesterdisposition. Der Cirque Royal ist ja kein Opernhaus, also muss für die jeweilige Produktion eine adäquate Position für das Orchester gefunden werden. Vor einem Monat bei „L’Elisire d’amore“ saß das Orchester am Bühnenrand, jetzt in einem improvisierten Orchestergraben, allerdings schauen alle Musiker auf die Bühne, auch der Dirigent, mal abgesehen von der Ouvertüre und dem abschließenden kurzen Instrumentalfinale. Er dirigiert also meist mit dem Rücken zu den Musikern, somit fehlt oft die direkte Bindung zwischen Dirigent und Orchester, und dieses Manko wird durch den Blickkontakt mit den Sängern nicht aufgehoben. Wenn man als Besucher auch noch gleich eine Reihe hinter den Pauken und Posaunen sitzt, ermöglicht dies zwar eine Mit-Lektüre der jeweiligen Partitur, aber der gesamte Orchesterklang wird dadurch alles andere als ausgewogen. Da empfahl es sich für den dritten Akt in eine hintere Saalreihe zu wechseln und auf einmal war die Orchesterbalance und auch jene mit der Bühne wesentlich besser. Im 19. Jahrhundert war es tatsächlich üblich, dass die Orchestermusiker auf die Bühne schauten, alte Bildaufnahmen – sogar mit Verdi als Dirigenten – sind dafür ein Beleg.

Worum geht es eigentlich in dieser Oper? Nach einem siegreichen Feldzug findet Licinius seine Geliebte Julia als Priesterin der Vesta, der Hüterin des Feuers wieder. Im Tempel der Vesta bewacht Julia die ewige Flamme und betet, von allen Versuchungen ihrer Liebe befreit zu werden. Licinius kommt herbei und Julia kann ihm nicht widerstehen. Die Liebe siegt über die Pflichterfüllung. Es passiert, was passieren muss: Die Flamme, die Julia bewachen muss, erlischt. Cinna rät Licinius darauf hin zu fliehen. Julia wird durch den Pontifex verhört, weigert sich jedoch, ihren Geliebten Licinius zu verraten. Wegen angeblicher Zügellosigkeit wird sie zum Tode verurteilt. Licinius fleht darum mit Julia gemeinsam lebendig begraben zu werden, aber sie behauptet ihn nicht zu kennen. Während eines Gewitters entzündet sich wie durch ein Wunder die heilige Flamme erneut. Ein Zeichen der Götter, das den Pontifex dazu bringt, Julia und Licinius die Eheschließung zu erlauben.

So weit, so gut. Der erfahrene Schauspielregisseur Eric Lacascade bringt mit „La Vestale“ seine erste Operninszenierung auf die Bühne; eine sehr leere, offene Bühne, ganz wenig Requisiten, einige Tische und Bänke, der Altar mit dem ewigen Licht erinnert den einen an eine Gulaschkanone, den anderen an ein leeres Benzinfass. Übrigens ein Wunder ist es nicht, das die erloschene Flamme wieder zum brennen bringt, nein, eine Choristin tritt aus der Reihe und entzündet sie wieder. Ist das als Ironie gedacht in einer ansonsten ironiefreien Inszenierung? Lacascade begnügt sich damit die Solisten und Choristen über die zahlreichen Treppen und Umläufe die der Cirque Royal bietet auf- und abtreten zu lassen, auf der Bühne selbst bevorzugt er das Laufen im Kreis, die Gesten erinnern manchmal an antikes Theater oder gerne wird auch mal die kämpferische Faust gehoben. Es ist eine leider wenig inspirierte Regiearbeit.

Glücklicherweise wird hervorragend gesungen. Der Chor der Monnaie und die junge Chor-Akademie des Opernhauses, die sich aus Studierenden der belgischen Konservatorien, hauptsächlich des IMEP Namur zusammen setzt, sind hervorragend. Ein Sonderlob für die beiden Chorleiter Martino Faggiani und Benoît Giaux. Bei den Solisten konnten vor allem die drei Männer glänzen: Jean Teitgen mit tiefschwarzem Bass als Pontifex, Julien Dran als Cinna und einen idealeren Interpreten als Yann Beuron für die Rolle des Licinius kann man sich kaum wünschen.

„La Vestale“ wird noch bis zum 25. Oktober in Brüssel gegeben.

Hans Reul - Bild: Clärchen und Matthias Baus

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