Es war der wohl größte Schicksalsschlag seiner Karriere und seines Lebens: 1996 erlitt Mariss Jansons bei der Oper "La Bohème" am Dirigentenpult in Oslo einen Herzinfarkt. Er überlebte nur ganz knapp. Seitdem weiß er, dass er haushalten muss mit seinen Kräften - und doch übermannt sie ihn immer wieder: die Liebe und Leidenschaft für die Musik.
An diesem Montag wird Jansons 70 Jahre alt, seit fast fünf Jahrzehnten ist er Dirigent. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa sagt er: "Es ist mein Beruf, aber auch meine Liebe. Und diese Liebe dominiert."
Diese Liebe wurde ihm tatsächlich in die Wiege gelegt: Sein Vater Arvid Jansons war ebenfalls ein bekannter Dirigent, seine Mutter Erhaida eine gefeierte Sängerin. Schon als Dreijähriger wusste Mariss Jansons: Ich will Dirigent werden. Heute gehört er zu den bedeutendsten weltweit. Zum Geburtstag gibt es in diesem Jahr auch ein großes Geschenk: Am 4. Juni wird der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters mit dem renommierten Siemens-Musikpreis ausgezeichnet.
Infarkt hat Lebensphilosophie verändert
Der Weg auf den Musik-Olymp führte den Letten über das Konservatorium von St. Petersburg, wo er Violine, Klavier und Orchesterleitung studierte, zu Zubin Mehta nach Wien, wo er sich weiterbilden ließ. Als Dirigent setzte er vor allem Maßstäbe in seiner Zeit als Chef der Osloer Philharmoniker, die er zu einem Spitzenorchester formte. Zu seinem Kernrepertoire entwickelte sich die Spätromantik und die beginnende Moderne. Zu seinen Favoriten gehören Brahms, Bruckner, Strauß, Mahler - und die russischen Komponisten, allen voran Schostakowitsch.
Nach seinem schweren Infarkt musste der leidenschaftliche und emotionale Jansons lange pausieren. "Das hat meine Lebensphilosophie schon verändert. Damals habe ich viel nachgedacht und analysiert, was die wichtigen Werte in meinem Leben sind." Ob er weniger arbeiten solle, auch diese Frage habe er sich gestellt. "Aber wenn es einem dann besser geht, dann vergisst man das. Diese schöpferischen Momente dominieren. Natürlich weiß ich, dass ich vorsichtig sein muss, aber das bin ich vielleicht nicht genug, weil ich so enthusiastisch bin. Ich brauche Leidenschaft für meine Arbeit, und man darf nicht so viel an die Vergangenheit denken, sondern an das Heute und an die Zukunft."
Selbst "La Bohème" würde er gerne noch einmal dirigieren. "Ich liebe alle Opern und allein die Vorstellung, dass es da eine gibt, die ich nicht mehr dirigieren kann - das gefällt mir überhaupt nicht." Seine Frau aber sage, er solle das nicht tun. Seit 2003 ist Jansons, der St. Petersburg sein Zuhause nennt, als Nachfolger von Lorin Maazel Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, parallel dazu leitet er seit Herbst 2004 auch das Concertgebouw Orchester Amsterdam. Den Vertrag in München hat er bis 2015 verlängert. "Das Orchester fühlt die Musik so, wie ich sie fühle", sagte er nach der Vertragsverlängerung.
"Er ist ein großer Dirigent geworden, ohne seine Menschlichkeit, seinen Humor, seine Großzügigkeit, seine Wärme preiszugeben", schreibt der Musikkritiker Richard Morrison von der Londoner "Times" und nennt Jansons einen "Magier", der "kein Megalomane und kein Tyrann mit absolutem Machtanspruch" sei. "Er wird verehrt und er wird auch geliebt."
Von Britta Schultejans und Christoph Trost, dpa - Bild: Herbert Pfarrhoefer, epa