Oper Lüttich glänzt mit der Wiederentdeckung der Verdi-Oper „Jérusalem“

Die Königliche Oper der Wallonie in Lüttich wartet in dieser Woche mit einer Wiederentdeckung auf: „Jérusalem“ von Giuseppe Verdi. Das letzte Mal dürfte diese Verdi-Oper in französischer Sprache vor rund 150 Jahren in Belgien gespielt worden sein. Nach der sehr gelungen Premiere am Wochenende fragt man sich: Warum eigentlich? Denn das Werk ist ein großer Verdi mit allem, was die Meisterwerke des Komponisten auszeichnet.

Verdis "Jérusalem" an der Oper Lüttich: erstmals seit 150 Jahren wieder auf Französisch in Belgien gespielt

Wohl nur eingefleischte Verdi-Liebhaber kennen dessen Oper „Jérusalem“. Eine Oper, die Verdi für Paris komponierte und die daher in französischer Sprache ist. Es ist seine erste große „Grand Opéra“, der nachher noch ein Don Carlo folgen wird. Dass „Jérusalem“ so selten gegeben wird, liegt wohl auch daran, dass man das Werk als eine Übertragung oder sogar nur als eine reine Übersetzung Verdis einer seiner früheren Opern ansah: „II Lombardi alla prima Crociata“.

Aber damit tut man Verdi Unrecht. Dies belegt der Musikwissenschaftler Paolo Isotta in einem umfangreichen Essay, den die Lütticher Oper aus Anlass der Wiederaufführung von „Jérusalem“ veröffentlicht. Die Handlung von „Jérusalem“ spielt in Toulouse und Palästina Ende des 11. Jahrhunderts zur Zeit der Kreuzzüge. Es geht um Macht, Ehre und Liebe.

Der Graf von Toulouse möchte seine Tochter Hélène mit Gaston verheiraten. Er ist der Sohn seines einstmals ärgsten Feindes. Der Graf will auf diesem Weg die Familien wieder versöhnen. Da ist es schon von Vorteil, dass Hélène und Gaston sich ohnehin heimlich lieben. Wenn da nicht Roger wäre, der Bruder vom Grafen, der auch ein Auge auf das junge Mädchen geworfen hat. Wahnsinnig vor Eifersucht möchte Roger Gaston töten, aber der Auftragskiller wird sich vertun und stattdessen den Grafen attackieren, ihn aber, oh Wunder, nicht umbringen, sondern nur schwer verletzen.

Der gedungene Mörder bezichtigt aber Gaston des Verbrechens, der dadurch ins Exil gezwungen wird. Roger hat aber auch ein schlechtes Gewissen und geht ebenfalls als Einsiedler ins Heilige Land. Kurz zusammen gefasst werden sich alle natürlich am Ende wieder treffen und der Graf von Toulouse wird seinem Bruder, der vor seinem Tod sein Vergehen gesteht, verzeihen und Hélène und Gaston werden ein Paar.

Verdi komponierte eine für jede Szene packende Musik, so dass die insgesamt über dreistündige Oper niemals langweilig ist. Zumindest nicht in der Lütticher Aufführung. Das ist in erster Linie das Verdienst von Speranza Scapucci. Die junge italienische Dirigentin ist zum ersten Mal in Lüttich zu Gast und hält die Fäden auf beeindruckende Art und Weise in den Händen. Mit Verve und einem untrüglichen Sinn für theatralische Dramatik lässt sie Orchester und Chor glänzend musizieren und singen. Es ist zu hoffen, dass sie in den nächsten Jahren regelmäßig in Lüttich zu sehen sein wird.

Regisseur Stefano Mazzonis bleibt sich in seiner Inszenierung treu. Er erzählt die Handlung auf klar verständliche Art, mit Respekt vor Libretto und Musik. Dass er den Chor dabei recht statisch behandelt, ist rein musikalisch sogar ein Bonus. Das Bühnenbild ist von einer passenden Kargheit, die Kostüme darf man hingegen als opulent bezeichnen, aber keineswegs kitschig.

Unter den Solisten ragt Roberto Scandiuzzi als Roger heraus. Mit tiefschwarzer Stimme gibt er den zum Eremiten gewandelten Bösewicht. Elaine Alvarez hat die notwendige Kraft, die anspruchsvolle Rolle der Hélène zu bewältigen, aber auch ein etwas breites Vibrato, das ein wenig störend wirkt.

Nicht zu vergessen sind zwei belgische Sänger in dieser Produktion, Ivan Thirion singt und spielt trotz seines jungen Alters sehr glaubwürdig den Grafen und vor allem ist wieder einmal Marc Laho zu erwähnen. Der aus Lüttich stammende Tenor glänzt als Gaston.

Jérusalem ist eine absolut lohnende Wiederentdeckung, die noch bis Samstag in der Königlichen Oper der Wallonie gegeben wird.

HR - Foto: Lorraine Wouters (Opera Royal de Wallonie)

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