Vom Tabu zum Ratgeber-Thema: Homosexualität in der „Bravo“

Der Umgang der "Bravo" mit dem Thema Homosexualität in den vergangenen Jahrzehnten spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen wider. Jetzt gibt es in Köln eine Ausstellung dazu.

Lesben Kuss

Ein Demo-Kuss vor der Regenbogen-Fahne

«Ab wann weiß man, dass man schwul ist?» Der handschriftliche Brief eines 15-Jährigen stammt aus den 1970er Jahren und richtet sich an «Dr. Sommer». Als Martin Goldstein unter diesem Pseudonym bei der «Bravo» als «Aufklärer» antrat, fanden Fragen zur Homosexualität zunehmend Platz auf den Beratungsseiten der Jugendzeitschrift. Zuvor wurde das Thema totgeschwiegen oder als krankhafte Neigung dargestellt.

Den Wandel im Umgang mit Homosexualität zeichnet die Ausstellung «50 Jahre Schwule und Lesben in der „Bravo“» nach, die von diesem Freitag an (bis 2. Oktober) in der Kölner Christuskirche zu sehen ist.

Von der strafbaren Handlung bis zur eingetragenen Lebenspartnerschaft: «Die intensiven gesellschaftlichen Veränderungen beim Thema Homosexualität spiegeln sich auch in der „Bravo“ wider», sagt der Initiator der Schau, Erwin In het Panhuis. Die Ausstellung dokumentiert den Umgang der Zeitschrift mit dem Thema. Auf Schautafeln und in Vitrinen werden unter anderem alte «Bravo»-Ausgaben, Original-Leserbriefe und Starschnitte gezeigt. Auch die beiden Hefte, die 1972 wegen Reportagen zur Selbstbefriedigung auf den Index gesetzt wurden, liegen aus.

Berichte über schwule oder lesbische Stars blieben zunächst selten. Als sich in den 80er Jahren Sänger wie Jimmy Somerville oder Andy Bell vom Pop-Duo Erasure offen zu ihrer Homosexualität bekannten, berichtete «Bravo» ausführlich und positiv darüber. «Andererseits hat „Bravo“ auch manchesmal Gerüchte über angeblich homosexuelle Stars aufgegriffen, die sich nicht geoutet hatten», kritisiert In het Panhuis. Dagegen habe das Zwangs-Outing von Hape Kerkeling durch den Filmemacher Rosa von Praunheim in einer Fernsehsendung Anfang der 90er Jahre zu einer ausgewogenen Diskussion in der Zeitschrift geführt.

Die Ausstellung zum gleichnamigen Buch ist in Zusammenarbeit mit dem Centrum Schwule Geschichte (CSG) in Köln und dem Berliner Archiv der Jugendkulturen entstanden. «Als die „Bravo“ 2006 ihr 50-jähriges Bestehen feierte, fiel mir auf, dass es zu dem Thema schwul/lesbisch keine eigenen Untersuchungen gibt», sagt der arbeitslose Diplom-Bibliothekar, der im CSG-Vorstand ist. So sei er auf die Idee gekommen, unter dem Aspekt in Archiven zu stöbern und alte «Bravo»-Ausgaben durchzublättern.

Die Ausstellung in der Christuskirche wird von einem Rahmenprogramm begleitet, unter anderem sind Vorträge geplant. An diesem Sonntag soll es auch einen besonders gestalteten Gottesdienst geben. «Zumindest in der evangelischen Kirche in Köln wird mit dem Thema Homosexualität sehr offen umgegangen», sagt Pastorin Daniela Loster. Überdies sieht sie eine Parallele zwischen der «Bravo» und der Kirche: «Die Bravo war – zumindest in den 80er Jahren – Lebensbegleiterin für Jugendliche, die Kirche ist auch eine Lebensbegleiterin.»

Die «Bravo» hat die Ausstellung übrigens nicht mitkonzipiert oder autorisiert. So werde «eine freie und konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema» gewährleistet, meint In het Panhuis. Bei der «Bravo» sieht man das locker. «Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich jemand wissenschaftlich oder in einer Ausstellung mit der „Bravo“ als Kultobjekt auseinandersetzt. Uns freut das», sagt Sprecherin Katrin Hienzsch.

Petra Albers (dpa) - Bild: epa

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