Film „Der Vorleser“ sorgt für Gesprächsstoff

An diesem Wochenende läuft das mit internationaler Besetzung in Deutschland auf Englisch gedrehte Drama in einer Handvoll von US-Städten an.

„Diese Geschichte von Erotik, Heimlichkeiten und Schuld wird bestimmt zu Diskussionen führen“, prophezeit die Zeitung „USA Today“ kurz vor dem Kinostart von The Reader. Kate Winslets „leidenschaftliches, treffsicheres Porträt wächst über bloße Schauspielerei heraus, zu einer Provokation, die einem den Schlaf raubt“, lobt die Zeitschrift „Rolling Stone“.

Worum geht es?

Der jüngst zum deutschen Shooting Star 2008 ernannte „Krabat“-Darsteller David Kross (18) spielt den 15 Jahre alten Schüler Michael Berg, der sich im Nachkriegsdeutschland in die deutlich ältere Schaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) verliebt. Als Jurastudent begegnet er ihr Jahre später bei einem Kriegsverbrecherprozess im Gerichtssaal wieder, wo Schmitz als frühere KZ-Aufseherin auf der Anklagebank sitzt.

The Reader wird in Hollywood als Oscar-Anwärter gehandelt, als „ernstzunehmender Rivale in allen Top-Kategorien“, schreibt der Kritiker der „Los Angeles Times“. Der britische Regisseur Stephen Daldry (47) könnte sich mit seinem dritten Spielfilm nach Billy Elliot (2000) und The Hours (2003) seine dritte Oscar-Nominierung als bester Regisseur holen.

Nicht nur Lob

Neben überwiegend lobenden Rezensionen gibt es auch kritische Töne. Als „im Wesentlichen durchs Gehirn geprägtes Erlebnis ohne Bauchgefühl“ beschreibt das renommierte Fachblatt „Variety“ den Film, während ein Kritiker der „Los Angeles Times“ bemängelt, dass dem Film die „emotionale Lebendigkeit“ und Intensität der Buchvorlage fehlen.

Neben Winslet und Kross gehören auch Ralph Fiennes, Bruno Ganz und Karoline Herfurth zur Besetzung. Gedreht wurde in Berlin und Köln, im sächsischen Görlitz und in der Sächsischen Schweiz. Die Darsteller sprechen Englisch mit schwachem deutschen Akzent. Er wollte diese Geschichte über ein unerledigtes Kapitel der deutschen Nachkriegszeit „zu einem internationalen Film“ machen, sagte Autor Bernhard Schlink der „New York Times“.

Stolpersteine

Die Umsetzung verlief nicht reibungslos, schon kurz nach dem Drehstart im Herbst 2007 gab es Probleme. Ursprünglich sollte Nicole Kidman die Hauptrolle übernehmen, sagte das Projekt dann aber wegen ihrer Schwangerschaft ab. Die Produzenten Sydney Pollack und Anthony Minghella starben im Verlauf der Dreharbeiten, Minghella (54) im März nach einer Tumor-Operation, Pollack (73) im Mai an Krebs. Im Oktober sprang der Produzent Scott Rudin von dem Projekt ab und ließ seinen Namen aus dem Filmabspann streichen. Aus der Branche verlautete, er habe sich mit den ausführenden Produzenten Harvey und Bob Weinstein überworfen. Schon Wochen zuvor war ein Streit um den Starttermin hochgekocht. Rudin und Regisseur Stephen Daldry hatten auf mehr Zeit für die Nachbearbeitung des Filmmaterials gepocht – mit einer Premiere im Jahr 2009. Die Weinsteins verlangten eine frühere Veröffentlichung vor dem Jahresende, somit kann der Film noch ins Oscar-Rennen gehen.

Sensible Themen

Die Vermarktung des brisanten Dramas mit freizügigen Liebesszenen zwischen einem 15-jährigen Jungen und einer mehr als doppelt so alten Frau mit Nazi-Vergangenheit ist kein leichtes Unterfangen. Das Weinstein-Studio hat jüdische Gruppen und Buch-Clubs zu Filmvorführungen eingeladen. Man hoffe auf eine positive Mundpropaganda, bevor der Film in vielen Kinos anläuft, berichtet die „New York Times“.

Bernhard Schlink war schon 1999 bei der Vorstellung seines Buches in der populären TV-Show von Oprah Winfrey in die Zwickmühle geraten. Denn Hauptthema war dabei zunächst nicht die Frage über Schuld und Verstrickung im „Dritten Reich“, sondern die Beziehung der 36-jährigen Hanna zu dem so viel jüngeren Schüler, die viele Fernsehzuschauer aufregte. „Aufruf zum Kindesmissbrauch“ nannten es einige aus dem Publikum. Doch Winfreys Begeisterung für das Buch und die Aufnahme des Romans als „Buch des Monats“ in den Buch-Club der Talkmasterin – das erste Mal, dass ein Roman aus dem Ausland das schaffte – waren der Startschuss für Schlinks großen Erfolg in den USA. 15 Wochen hielt er sich auf der Bestseller-Liste der „New YorkTimes“.

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