Der neue Mankell, der letzte Wallander

Leidet Kommissar Kurt Wallander an beginnendem Alzheimer? Das ist die düstere Frage in Henning Mankells neuem Roman mit dem knurrigen Kripomann aus Ystad.

Henning Mankell

Henning Mankell

Leidet Kommissar Kurt Wallander an beginnendem Alzheimer? Das ist die düstere Frage in Henning Mankells neuem Roman mit dem knurrigen Kripomann aus Ystad. Schwedische Leser konnten die Antwort bereits vor einigen Monaten nachlesen. Nun erscheint das Buch an diesem Freitag auch auf Deutsch.

Nach zehn Jahren Pause hat Schwedens erfolgreichster Krimiautor mit „Der Feind im Schatten“ (Zsolnay Verlag) sein Versprechen an sich selbst gebrochen, keinen zehnten Wallander-Krimi zu schreiben. Ihn hätten vor allem unbewältigte schwedische Konflikte aus der Zeit des Kalten Krieges und der Kampf vieler Menschen jenseits der 60 mit Gedächtnislücken wieder zum Schreiben gebracht, erzählte Mankell (62) bei einer Präsentation.

Lindas liebe Schwiegereltern

Wallander, ziemlich einsam, beruflich nicht mehr so fest im Sattel und von Tochter Linda zum Opa gemacht, erlebt bei der Suche nach Lindas verschwundenen Schwiegereltern extrem beängstigende „Löcher“ („Was will ich eigentlich? Was ist passiert?“). Der adlige Schwiegervater war hoher Marineoffizier und bis in die 80er Jahre an der Jagd nach mysteriösen fremden U-Booten vor Schwedens Küste beteiligt. Als auch die Ehefrau Louise wie vom Erdboden verschluckt ist, kommt der Verdacht auf, dass einer von beiden vielleicht bei der großen U-Boot-Jagd „der“ Spion für Moskau gewesen sein könnte.

Die Spannung bis zur Auflösung dieses Rätsels hält sich in Grenzen, und die Lösung fällt nicht sonderlich originell aus. Mankell treibt die Geschichte, wie immer in seinen Krimis, langsam bis betulich voran. Zu betulich, zu wenig originell, mit enorm viel Leerlauf und einem in Schweden doch reichlich ausgelutschten Thema, muss man wohl sagen.

Die Tücken des Alterns

Mehr Mühe und Liebe hat der Autor auf die Schilderung von Wallanders erfolglosem Kampf gegen das Altern verwandt. Trost immerhin für mitfühlende Leser: Der Kommissar vergisst zwar beim einsamen abendlichen Trinken in einer Ystader Kneipe seine geladene Dienstwaffe und kann sich hinterher an nichts erinnern. Aber später kommt ihm dann doch noch die brillante Idee zur Lösung des Falles.

Die Schauplätze

Das „wirkliche“ Ystad an Schwedens Südspitze überschwemmen immer wieder Scharen von Wallander-Fans auf der Suche nach den Schauplätzen der Romane. Und das umso mehr, nachdem Kenneth Brannagh in britischen TV-Verfilmungen als inzwischen vierter Wallander-Darsteller brilliert hat. Der Kommissar lebt für die Krimi-Gemeinde in höchstem Maß weiter. Ob mit oder ohne Alzheimer.

Aus und vorbei

Mankell aber macht Schluss, wie man im Buch nachlesen kann: „Die Erzählung von Kurt Wallander ist unwiderruflich zu Ende.“ Die vielleicht zehn oder mehr Jahre, die noch bleiben, gehörten nur ihm, seiner Tochter Linda und Enkel Klara, niemandem sonst. In einem Interview der Illustrierten „Bunte“ gab der Bestsellerautor jetzt zu, dass ihm der Abschied von Wallander einiges Kopfzerbrechen bereitet habe. Dann habe sich herausgestellt, dass der beste Weg der einfachste war: Aus Respekt lasse er seine Figur allein, schließe die Tür und verlasse das Haus.

Thomas Borchert (dpa) - Bild: epa

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