„Umkämpfte Zone“: Warum (Ost-)Deutschland seine DDR-Diktaturgeschichte besser aufarbeiten muss

Die ostdeutsche Ines Geipel beklagt, dass Ostdeutschland die eigene Diktatur-Geschichte nicht ausreichend aufgearbeitet hat. Das betrifft sowohl die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur aber auch die der DDR-Diktatur. Darüber hat sie das Buch "Umkämpfte Zone" geschrieben. Ende Oktober hat sie auf Einladung der deutschen Botschaft in Brüssel aus diesem Buch gelesen.

Fall der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 (Bild: EPA/Lehtikuva)

Fall der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 (Bild: EPA/Lehtikuva)

Der 9. November ist ein Tag, der auch als Schicksalstag der Deutschen gilt. Die Novemberrevolution 1918, die Reichsprogromnacht 1938 und auch der Fall der Berliner Mauer 1989 – sie alle fielen auf einen 9. November.

32 Jahre liegt der Mauerfall nun zurück und trotzdem ist vor allem die Geschichte der DDR-Diktatur bei weitem nicht so aufgearbeitet worden wie die Zeit der Nazi-Diktatur. Das hat Folgen – und nicht die besten. Auch heute kann man den Eindruck haben, dass in den Ost-Bundesländern viele Menschen grundsätzlich anders denken als im Westen. Das sieht man auch daran, dass es im Osten besonders viele Protestwähler gibt.

Warum das so ist, ist in der öffentlichen Diskussion oft eine soziale Frage, eine Frage über finanzielle Geldtransfers. Vor zwei Jahren hat die ostdeutsche Autorin Ines Geipel das Buch „Umkämpfte Zone“ veröffentlicht und erklärt uns: Es ist etwas anderes oder zumindest noch etwas anderes.

Ihre These ist, dass in Ostdeutschland gleich zwei Diktaturen nicht richtig aufgearbeitet wurden auf zwei Ebenen – einmal im privaten Bereich, aber genauso wenig im öffentlichen Bereich – und dass das weiterhin Auswirkungen auf die Gegenwart hat, dass es zum Beispiel erklärt, warum es in Ostdeutschland eine große Anhängerschaft der AfD gibt, warum es in Ostdeutschland vielleicht auch eine erhöhte Gewaltbereitschaft gibt. Wie hängt das zusammen?

Es gibt natürlich nicht diese eine monolithische Linie. Ich plädiere dafür, wenn wir diese sehr explosiven Prozesse, diesen Rechtsruck seit spätestens 2015 in Ostdeutschland sehen, die hohen AfD-Zahlen, zu sagen: Es gibt eine Gegenwart, es gibt globalen Populismus und rechte Linien. Und gleichzeitig dächte ich schon, dass sich in Ostdeutschland wie in der Petrischale bestimmte Vorgänge kondensieren aufgrund dieser langen, darunterliegenden und ich meine verzahnten doppelten Diktatur.

Wenn es eine gesamte Gesellschaft gibt, die praktisch aufgerufen wird, diese enorme Schuld-Dynamik des Nationalsozialismus einfach beiseite zu schieben, und es einen Unrechtsstaat gibt, der sich ja praktisch drüber schiebt, und damit mehr als 50 Jahre Diktatur-Geschichte im Osten kein Referenzsystem bekommen kann, kein Erzählsystem, keine wirkliche Sortierung, dann macht das mit einer Gesellschaft was.

Dann ist die Gesellschaft in gewisser Weise traumatisiert?

Die Gesellschaft ist traumatisiert aufgrund dieser Diktatur-Geschichte und mit ’89 gibt es in dem Sinne eine Art neuerliche Umschreibung. Es ist ja im Grunde, mit einem weiten Blick, eine große Flucht aus der Geschichte und ein langer Fluchtprozess, eine Verweigerung, sich mit Belastungen zu befassen, sie anzuschauen, sie in eine gesellschaftliche Auseinandersetzung zu bringen. So eine Tradition der Entlastungserzählungen bringt eine Gesellschaft nicht in eine politische Verantwortung. Das gehört zusammen.

Sie fordern einerseits natürlich eine historische Aufarbeitung dessen, was da im Osten Deutschlands während 50 Jahren passiert ist. Sie fordern aber auch, dass sich Familien mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen, dass das, was vielleicht irgendwo mal unter den Teppich gekehrt wurde, dann doch wieder zum Vorschein kommt. Wie kann so ein Prozess in Gang gesetzt werden?

Na ja, zunächst: Ich habe gar nichts zu fordern. Ich habe einfach mit meinem Buch ‚Umkämpfte Zone‘ einen Vorschlag oder ein Angebot gemacht für ein Gespräch. Ich nehme wahr, das Buch gibt es immerhin schon zwei Jahre und das Gespräch wird höchstens intensiver. Also irgendein Bedürfnis der ostdeutschen Gesellschaft trifft es ja – und nicht nur der ostdeutschen. Wir können diesen Osten nicht immer nur weiter rausschieben, sondern wir haben 30 Jahre deutsche Einheit. Auch der Osten ist am Ende des Tages eine westdeutsche Angelegenheit. Also wir können das nur gemeinsam lösen.

Ich glaube, wir sehen doch, dass wir über längere Zeit so merkwürdig über Bande spielen, die Dinge liegen lassen. Sie sind unangenehm, sie tun uns vielleicht auch weh. Das wird uns aber auf Dauer nicht glücklicher machen. Es wird uns nur nervöser und rutschiger machen. Und insofern glaube ich: Lasst es uns tun, let’s do it! Also es ist ein Vorschlag und ein Angebot, mehr Luft an diese Geschichte zu bringen. Denn im Populismus versinken, glaube ich, kann nie die Lösung sein.

Das ist jetzt die deutsch-deutsche Geschichte. Es gab einen Ostblock, der viel weiter reichte als bis Frankfurt an der Oder. Ähnliches könnte man jetzt auch in den anderen Ostblockstaaten erwarten.

Wir schauen Orban und Ungarn an, wir sehen Polen an, wir haben Putin im Osten hängen – wir schauen diesen langen autoritären Schlaufen, dieser Überlänge an autoritärem Denken und Fühlen nach. Und mit ’89 und der Öffnung sind die Vorgänge ja nicht nur in eine Richtung gegangen. Wir haben ganz stark retardierende Momente darin und da geht es um Verteidigung der Arbeit innerhalb des Traumas.

Aber am Ende des Tages verhandeln wir immer Ängste, Ängste, sich mit politischen Realitäten auseinanderzusetzen. Wir sind in einem ganz starken Verleugnungskarussell und gleichermaßen – es ist immer alles doppelt – Ängste vor dem anderen, Ängste vor dem Fremden. Wenn du es ganz herunter buchstabiert, klingt das vielleicht nicht schön, wenn ich das jetzt so sage: Aber wer will schon verloren haben? Wir verhandeln über 30 Jahre im Grunde die Implosion des Kommunismus und der verteidigt seine Geschichte mit großen Klauen und nimmt im Grunde die eigene Bevölkerung wieder in die Pflicht. Wer am Ende leidet unter diesen historischen Populismen, ist die Bevölkerung, die ja schon genug gelitten hat. Das finde ich so dramatisch daran.

Und das wächst sich nicht automatisch raus. Es braucht irgendwo einen irgendwie gearteten Prozess, um zu garantieren, dass sich Familiengeschichte nicht wiederholt, bzw. dass man sich von der eigenen Familiengeschichte auch emanzipieren kann.

Von der Familiengeschichte, aber eben auch von der Gesellschaftsgeschichte. Wir sind immer noch bei dem Vorgang, in die Büchse der Pandora zu schauen, und mit viel Schmerz, viel Leid, viel Erfahrungswucht umgehen zu müssen. Und klar: Möglichkeiten mit harten Rissen des eigenen Lebens, aber auch der Gesellschaft, mit diesen Implosionsgeschichten umzugehen, gibt es viele. Aber ich wäre eben sehr dafür, darauf zuzugehen, auf den Schmerz zuzugehen, auf das, was aufzulösen ist, und diesen Schmerz zu integrieren. Wie wollen wir denn überhaupt in diesem Ost-Europa Luft kriegen? Das kann ich mir nicht mit endlosen Verleugnungen und Verweigerungen denken. Das kann nicht die Lösung sein.

Olivier Krickel