Schätzing und Vargas schreiben über den realen Thriller: Klimawandel

Irgendwie scheint die Welt seit einigen Jahren verrückt zu sein. Jugendliche demonstrieren auf den Straßen, Kinder bestreiken ihren Schulunterricht, Eisbären werden Landbewohner und Krimiautoren schreiben keine fiktiven Thriller sondern reale Sachbücher gegen die Klimakrise.

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? (Cover: Kiepenheuer&Witsch)

Cover: Kiepenheuer&Witsch

Eigentlich schreiben Krimiautoren Krimis oder fiktive Thriller. Jemand wird umgebracht, wir gruseln uns etwas, spekulieren über die Verdächtigten und am Ende wird der Täter gefasst. Danach ist man meist gut unterhalten, kann das Buch zuklappen und beruhigt ins Bett gehen. Zwei Krimiautoren haben jetzt unabhängig voneinander ein Sachbuch über einen realen Thriller geschrieben, die Klimakrise. Einer davon ist Frank Schätzing. Bekannt wurde er mit seinem Roman der Schwarm, in dem fiktive intelligente Meereswesen die Menschheit bedrohen.

Warum Schätzing jetzt ein Sachbuch geschrieben hat, begründet er gleich zu Anfang: „Eigentlich wollte ich ein ganz anderes Buch schreiben, einen Thriller. Dann dachte ich: Wir sind in einem Thriller. Sie und ich. Nicht als Hörer und Autor. Als Akteure.“

Wir sind die Akteure eines Thrillers? Schätzing will mit seinem neuen Buch „Was, wenn wir einfach die Welt retten“ zum Handeln in der Klimakrise motivieren. Die Wunderpille dagegen sei Wissen, schwärmt der Autor. Schätzing sieht wie die Menschen überfordert sind, wie gelähmt, wenn sie überflutet werden mit immer neuen Horrormeldungen über immer neue Klimakatastrophen.

„Wir verharren im Schwebezustand. Bis heute ist die Welt nicht untergegangen. Entwarnung gibt es aber auch nicht. Das steigert die Anspannung. Unsere Ängste wachsen über die Ursachen hinaus. Zugleich scheint, was uns bedroht nicht zu existieren. Am Morgen öffnen wir die Tür, der Himmel sieht aus wie immer. Klimawandel? Wo? Und wo sind die intelligenten Maschinen, die uns vernichten wollen? Die Post bringt immer noch der Briefträger, nicht der Terminator.“
Doch das scheine nur so, in anderen Gegenden ist die Klimakrise schon angekommen.

Frank Schätzing (Bild: Paul Schmitz)

Frank Schätzing (Bild: Paul Schmitz)

Und so nutzt Schätzing sein Talent als Autor spannender Thriller und schreibt kreativ, eloquent und unterhaltsam. Er erklärt unterhaltsam die Szenarien des Weltklimarates, sieht Kipppunkte nicht nur in schmelzenden Eisbergen, sondern auch in einer Jugend, die rebelliert und auf die Straße geht. Oft geraten ihm seine Erzählungen etwas sehr ausschweifend, auch wenn sein Buch mit über 300 Seiten eines seiner kürzeren Werke ist. Die Lösung für ein Überleben der Menschen sieht Schätzing in grüner Technologie und mit Veränderungen, die Einzelne bewirken, wenn sie Güter teilen, statt sie alleine zu besitzen, weniger Müll erzeugen, und die Tiefkühltruhe besser nur den Lebensmittelhändlern oder „Serienkillern“ überlassen.

Doch auch wenn er in der Einleitung ankündigt, sich der heiligen Kuh der kapitalistischen Weltordnung, dem Wachstum zu widmen, bleibt dieser Aspekt bei ihm schal und ungenau. Denn grundsätzlich sei die kapitalistische Weltordnung die beste Weltordnung, so der Autor. Dabei beschreibt er einige Kapitel zuvor, wie Akteure dieser Weltordnung wie ExxonMobil die Katastrophe verschleierten, die Klimaforscher verteufeln, Veröffentlichungen blockieren und noch 1997 den Regierungschefs erzählten: Die Welt wird kühler, denn Handeln gegen die Klimakrise wäre geschäftsschädigend gewesen.

Schätzing schildert routiniert, spannend und abwechslungsreich. Doch auch wenn er eloquent und geschliffen schreibt, berührt sein Buch nicht so wie das einer anderen Krimiautorin, die ebenfalls ihren nächsten fiktiven Krimi verschoben hat.

Fred Vargas: Klimawandel (Limes Verlag)

Cover: Limes Verlag

Das Buch „Klimawandel – ein Appel“ der französischen Autorin Fred Vargas ist emotional, sie wütet und klagt an, nennt es nicht Klimakrise sondern ein Verbrechen. Bekannt ist sie mit ihren Romanen rund um den Ermittler Adamsberg.

Ihre deutsche Sprecherin lässt die Empörung von Fred Vargas in ihrem neuen Buch so zu Wort kommen: „Und verdammt, wir werden es nicht zulassen, dass dieses ungeheuerliche Verbrechen geschieht! Jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das alle Wissenschaftler voraussehen angesichts der unglaublichen Tatenlosigkeit der Regierenden, die seit vierzig Jahren genauestens drüber informiert sind, welche Katastrophe auf die Erde zurollt. Und sie sind besser darüber informiert als wir.“

Auch ihre Fakten sind sorgfältig recherchiert und unterhaltsam geschrieben. Ihre Vorschläge für eine bessere Welt richten sich allerdings weniger an Einzelne. Sie formuliert konkrete Forderungen an die Regierenden. Denn einfach wird es nicht, die Welt zu retten, „es wartet ein Haufen Arbeit auf uns“, schreibt Vargas.

Eines schaffen sicher beide. Schätzing und Vargas sind Autoren, deren Bücher millionenfach gelesen werden. Und sicher nimmt der ein oder andere Krimifan, der sonst kein Buch über die Klimakrise lesen würde, auch diese Sachbücher in die Hand. Für das gute Ende muss er dann allerdings selber sorgen.

Beide Bücher gibt es auch als Hörbücher. Das Buch und die CD von Vargas erscheinen erst Ende Juli.

Katja Engel