Marie Curie: Brillante Spätzünderin

Die Physikerin Marie Curie hat vor über 100 Jahren die Radioaktivität entdeckt. Gleich zwei Nobelpreise hat die berühmte Wissenschaftlerin gewonnen. Der Radiologe Robert Gundermann hat ihr Leben in einem Sachbuch wunderbar in Szene gesetzt.

Marie Curie in ihrem Labor in Paris (undatiertes Archivbild: Belga)

Marie Curie in ihrem Labor in Paris (undatiertes Archivbild: Belga)

Marie Curie wächst in Polen auf. Früh entsteht ihre Liebe zu den Naturwissenschaften, doch in ihrer Heimat bleibt Frauen ein Studium verwehrt. Also schließt sie mit ihrer Schwester einen Deal. Erst arbeitet sie als Gouvernante und finanziert ihrer Schwester das Studium in Paris, wo Frauen zugelassen sind, und anschließend wechseln beide ihre Rollen.

So wird aus der Gouvernante die Physikerin und Nobelpreisträgerin Curie, die als Erste das Wort „Radioaktivität“ in das Arbeitsbuch schreibt, das sie gemeinsam mit ihrem Mann führt.

Große Liebe zur Wissenschaft

Inzwischen gibt es viele Bücher und Filme über die berühmte Frau. Das neue Buch „Curie. Pionierin, Nobelpreisträgerin, Entdeckerin der Radioaktivität“ von Richard Gundermann ist besonders gut gelungen.

Als erstes ziehen die vielen großen Schwarz-Weiß-Fotografien in den Bann. Sie zeigen, wie sie mit ihrem Mann Pierre mit dem Fahrrad auf Hochzeitsreise ist, das gemeinsame Labor, alte Zeitungsberichte, die verwundert über diese Frau in den Naturwissenschaften berichten, und viele zeitgenössische Wissenschaftler. Denn wie in diesem Buch ist Marie Curie in ihrer Arbeit umgeben von Forschern mit Weltrang. Nicht nur umgeben, sie ist Teil der wissenschaftlichen Elite wie mit Albert Einstein, Ernest Rutherford und Henri Becquerel.

Der Autor Gundermann zeigt eine Frau, die ihre Erfolge, die sie weltberühmt machten, aus eigener Kraft erreicht. Beharrlichkeit, Wissensbegierde, Neugier und Selbstbewusstsein treiben sie ebenso an wie eine große Liebe zur Wissenschaft.

Anerkennung und Skandale

Im Buch finden sich auch viele bislang unbekannte Zitate damaliger Wissenschaftler. So schreibt Einstein, Curie sei die einzige Berühmtheit, die er kenne, deren Charakter der Ruhm nicht korrumpiert habe. Anerkennend schreibt ihr Einstein nach einer gemeinsamen Konferenz: „Ich möchte Ihnen sagen, wie sehr ich Ihre Intelligenz bewundere, Ihre Tatkraft und Ihre Ehrlichkeit, und dass ich mich glücklich schätze, Sie in Brüssel persönlich kennengelernt zu haben. Jeder, der nicht zu den Reptilien zählt, freut sich nach wie vor, dass wir solche Persönlichkeiten wie Sie und auch Langevin unter uns haben, Menschen, mit denen in Kontakt zu sein eine Ehre ist“.

Diese „Reptilien“, damit meint Einstein Angriffe auf Marie Curie. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes Pierre mit dem verheirateten Langevin eine Beziehung. Ein Skandal für eine Frau in der damaligen Zeit. Inzwischen hatte das schwedische Nobelkomitee Wind davon bekommen und sie aufgefordert, auf ihren zweiten Nobelpreis freiwillig zu verzichten. Die Presse fällt über sie her und vor ihrem Haus versammelt sich eine bedrohliche Menschenmenge. Einstein spricht ihr in dieser Lage Mut zu: „Ich bin so wütend über die niederträchtige Art, in der sich der Pöbel gegenwärtig mit Ihnen zu befassen wagt, dass ich diesem Gefühl unbedingt Ausdruck geben muss. … Wenn sich der Pöbel noch weiter mit Ihnen befasst, so lesen Sie einfach das Geschwätz nicht, sondern überlassen Sie es dem Reptil, für das es fabriziert ist“.

Nicht oft schafft es ein Sachbuch, dass man es nicht mehr aus der Hand legen möchte, man alles stehen und liegen lässt und erst mal blättert, liest und wieder blättert. Das Buch von Richard Gundermann ist so eines.

Gundermann ist Professor für Radiologie und beweist in den Texten seine Fachkenntnisse – zudem schreibt er verständlich und spannend. Der Autor lässt nicht aus, wie schwer es Frauen in der wissenschaftlichen Welt haben, anerkannt zu werden. Auch er bedauert es, in seinem Buch nur von Männern zu berichten. Denn damals hieß es: Eine Frau habe keinen Verstand, sondern ein Geschlecht.

Trost in der Corona-Zeit

Haben die Zeiten sich geändert? Sicher, dennoch Marie Curie ist seit mehr als 100 Jahren immer noch die einzige Frau mit zwei Nobelpreisen. Und bis heute wurden seit der ersten Nobelpreis-Verleihung 215 Physiker ausgezeichnet, darunter vier Frauen.

Umso schöner und wichtiger ist dies Buch, das zeigt, was Wissenschaftlerinnen erreichen können. Ob zum Nachlesen, Verschenken oder darin Versinken – es motiviert vielleicht auch in der Corona-Zeit. Denn wer Angst hat, weil er ein Jahr in der Schule oder an der Uni verliert: Marie Curie war immerhin 24 Jahre als sie sich endlich als Erstsemesterin an der Universität einschreiben konnte.

Das Buch „Curie“ von Richard Gundermann ist im Langen Müller Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

Katja Engel

Ein Kommentar
  1. Josef Geul

    Nach der dritten Teilung Polens 1795 durch Preußen, Russland und Österreich verschwand
    Polen als Staat für 123 Jahre von der politischen Landkarte Europas. Die Besatzer erlaubten Polinnen nicht zu studieren, darum musste Maria Sklodowska-Curie ins Ausland gehen um zu studieren. In Frankreich war der Zugang von Frauen zur Hochschulbildung ebenfalls selten. Die erste Frau, die einen Universitätsabschluss erhielt, war Julie Daubié (1824–1874) im Jahr 1861.