Freddy Derwahl liest aus seinen „Lebenserinnerungen“

Nach einer ersten Autorenlesung in Eupen las Derwahl am Mittwochabend in St. Vith aus seiner Autobiographie "Auf dem Marktplatz".

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Freddy Derwahl liest aus seiner Autobiographie (Bild: Stephan Pesch/BRF)

„Auf dem Marktplatz“ – so heißt die Autobiographie, die der frühere BRF-Journalist Freddy Derwahl im Hillesheimer Verlag KBV veröffentlicht hat.

Der 72 Jahre alte Autor blickt zurück auf seine journalistische und schriftstellerische Tätigkeit, auf die politische Entwicklung, aber auch auf sehr Privates.

Nach einer ersten Autorenlesung in Eupen trat er nun in St. Vith auf. Stephan Pesch sprach mit Freddy Derwahl über seine „Lebenserinnerungen“ – und wie daraus ein Buch wurde.

Buchkritik von Stephan Pesch

Einleitend muss ich sagen, dass sich in der Redaktion niemand darum gerissen hat, das neue Buch von Freddy Derwahl zu lesen, geschweige denn es zu besprechen. Das liegt nicht nur daran, dass er sich nicht gerade wohlwollend über seinen früheren öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber und über ehemalige Kollegen auslässt. Im Gespräch erklärte er mir, beim BRF schöne Stunden erlebt, aber auch schmerzvolle Erfahrungen gemacht zu haben. Die Frage, wer wen im Stich gelassen oder ungerecht behandelt hat, muss nicht „auf dem Marktplatz“ ausgetragen werden. Das hier soll keine Abrechnung werden.

Dass sich der schriftstellernde Journalist empört, mit so profanen Aufgaben wie dem Wetterbericht drangsaliert worden zu sein, lässt eher schmunzeln. Stellenweise wirkt die Geschichte etwas dick aufgetragen. Das liegt auch an dem sehr „poetischen“ Schreibstil. Derwahl macht keinen Hehl aus seiner „Neigung für feuilletonistische Texte“und seinem „Faible für etwas Weihrauch“.

Der Autor hat sich entschieden, seine Lebenserinnerungen thematisch in Kapitel zu ordnen. Dafür nimmt er Zeitsprünge in Kauf. Nach eigener Auskunft konnte sich der heute 72-Jährige auf Notizen, Zeitungsausschnitte oder Tagebucheinträge verlassen.

Doch selbst wer nicht wie Derwahl „früher selbst mitten im Gemenge“ war, wird hier und da feststellen, dass die Erinnerung dem Autor einen Streich spielt. Autobiographische Erinnerung lebt davon, dass sie verklärt, verzerrt, zurechtbiegt – das hat mit Selbstschutz zu tun. Ein wichtiger Hinweis für alle, die das Buch als Begleitband zur Geschichte der Autonomie lesen wollen.

In einigen Kapiteln trägt die Beschreibung idealisierende Züge, fast etwas Hagiographisches. Dieser Begriff, der die Beschreibung einer Heiligenvita meint, kam mir unvermittelt in den Sinn – bei so viel mystischen Betrachtungen und Klosterbesuchen. Der Wunsch, in das Trappistenkloster von Mariawald einzutreten, habe ihn seit dem zwölften Lebensjahr verfolgt, schreibt Freddy Derwahl. „Ein lebenslanger Berufungskampf zwischen der Sehnsucht nach klösterlicher Rückbesinnung und der Suche nach dem ewig Weiblichen“, wie er sagt.

Auch wenn ich dem Autor bei diesem Spagat nur schwer folgen kann, finde ich diese Passagen noch die stärksten, zeigen sie doch einen selbstzweifelnden Menschen. Weniger den Hansdampf in allen Gassen, der immer schon den richtigen Riecher hatte und seine kontemplativen Erfahrungen zu würzen glauben muss mit „tumultuösen Frauengeschichten“ oder einer lapidaren Bemerkung über „die kleinen Brüste der Kellnerin“…

Wer auf eine intime Erfahrung aus ist, der lese die Tagebucheinträge aus dem Jahr 2017 – oder gleich das letzte Kapitel: Da sitzt der mittlerweile altersweise Gott-Sucher jeden Tag zurückgelehnt im Korbstuhl einer Terrasse „auf dem Marktplatz“, mit einem Westmalle Tripel oder einem Glas griechischen Weißweins. Und schaut gnädig auf sein bewegtes Leben und auf seine Heimatstadt – zwischen den Türmen von St. Nikolaus, dem Klösterchen der Franziskanerinnen und der Muttergottes auf dem Brunnensockel.

Das ist dann Freddy Derwahl at his best.

Stephan Pesch

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