Buchkritik: Geschichte Belgiens – Die gespaltene Nation

Der belgische Staat wurde 1830 gegründet, und für viele ist das auch der Startschuss für die belgische Geschichte. Der Historiker und Journalist Christoph Driessen sieht das anders. Der Deutsch-Niederländer hat jetzt eine "Geschichte Belgiens" veröffentlicht, nach Angaben des Verlags die "erste Gesamtdarstellung" der belgischen Geschichte in deutscher Sprache.

Geschichte Belgiens - Die gespaltene Nation

Buchcover: Verlag Friedrich Pustet

Christoph Driessen hat seine „Geschichte Belgiens“ als engagiertes Buch geschrieben. Und das vor allem für seine Landsleute, die Deutschen. Aus deutscher Perspektive beginnt er im Vorwort: „Von allen Nachbarländern Deutschlands ist Belgien wahrscheinlich das unbekannteste und mit Sicherheit das am meisten unterschätzte. Viel mehr, als dass dort ein Sprachenstreit zwischen Wallonen und Flamen tobt, gehört nicht zum Allgemeinwissen.“

Driessen möchte das ändern. Mit seinem Buch möchte er den Deutschen Belgien näherbringen. Denn Driessen findet es nicht richtig und sogar ärgerlich, dass in Deutschland so wenig über Belgien und seine Geschichte bekannt ist, und dass dieses Unwissen allzu häufig zu Fehleinschätzungen führt. Sogar von führenden Leitmedien: „Die belgische Geschichte ist Terra incognita. Man liest darüber nur sehr selten etwas, und wenn, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. „Der Spiegel“ zum Beispiel beschrieb Belgien 2016 als „dieses künstliche Gebilde, das irgendwann im 19. Jahrhundert aus einem Betriebsunfall der Geschichte entstanden ist, aus einer Rangelei großer Mächte […] Ein Gebilde, das optimistisch zusammenfügte, was ohne gemeinsame Geschichte war: das flämische Flandern, das frankophone Wallonien und Ostbelgien, in dem 76.000 Menschen Deutsch sprechen.“ An diesem Text stimmt gar nichts.“

Um ein Beispiel dafür zu geben: Bei der Gründung des belgischen Staats im 19. Jahrhundert war Ostbelgien nicht dabei. Damals gehörten die Gebiete von Ostbelgien noch zu Preußen.

Christoph Driessen

Autorenbild: Verlag Friedrich Pustet

Driessen erklärt das genauso, wie er die Geschichte Belgiens in seinem Buch auch nicht im 19. Jahrhundert beginnen lässt, sondern zur Zeit der Römer, zur Zeit von Julius Cäsar. Damals gab es nicht nur den Stamm der Belger, sondern kristallisierte sich auch schon die Sprachgrenze heraus, die bis heute in abgeänderter Form immer noch den Alltag der Belgier bildet.

In sechs großen Kapiteln behandelt Driessen dann Mittelalter, Frühe Neuzeit und das Belgien im 19. Jahrhundert; die Kolonialgeschichte, die Zeit unter deutscher Besatzung und Belgien seit 1945.

Dabei gelingt es Driessen, dem Leser tatsächlich sehr viel über das Land beizubringen. Das liegt zum einen daran, dass er in einem flüssigen Stil schreibt. Zum anderen, weil er vor allem große Linien aufzeigt, dort ins Detail geht, wo es wichtig ist, aber auf historisches Klein-Klein verzichtet, das im Zweifel nur den Historiker-Kollegen aufgrund der Vollständigkeit interessieren würde.

Stichworte und Kurzporträts

Zahlreiche Stichworte und Kurzporträts lockern den Fließtext immer wieder auf. In ihnen wird auf anschauliche Weise viel Wissenswertes vermittelt, was nicht in die Gesamtdarstellung reingepasst hat. Pieter Bruegel, Leopold I. oder Jacques Brel bekommen ebenso ihr Porträt wie die Beginen, die Deutschsprachige Gemeinschaft oder die Comics ihr Stichwort. „In Deutschland ist es wenig bekannt, aber es waren Belgier, die Lucky Luke, Tim und Struppi und die Schlümpfe erfunden haben. Diese und noch viele andere Figuren sind in Belgien ebenso Teil des „patrimoine culturel“ – des kulturellen Erbes – wie Gemälde von Magritte oder Rubens.“

Trotz seiner offenen Sympathie für Belgien verzichtet Driessen nicht auf den kritischen Blick des Historikers. Am Ende seiner Darstellung der Kolonialzeit schreib er: „Belgien selbst tut sich noch immer schwer mit seiner Kolonialvergangenheit. Das Afrikamuseum in Tervuren verlor bis ins 21. Jahrhundert kaum ein Wort über die Kongo-Gräuel. Der frühere EU-Kommissar und Außenminister Louis Michel bezeichnete Leopold II. noch 2010 als „ambitionierten Visionär“. Es sei „reine Demagogie“ zu behaupten, dass er den Kongo in ein riesiges Arbeitslager verwandelt habe. Mein Instinkt sagt mir, dass Leopold II. ein Held war. Ein Held mit Ambitionen für ein kleines Land wie Belgien.“

Das Buch ist mit 221 Textseiten überschaubar lang, wird wie jedes gute Geschichtsbuch abgerundet durch eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis und ein Orts-, Personen- und Stichwortregister.

Zwischendurch lockern schwarz-weiß Bilder und Karten die Darstellung auf. Die ein oder andere Karte zusätzlich wäre manchmal vielleicht wünschenswert gewesen. Was aber nicht den Gesamteindruck schmälert, dass es sich bei dem Buch um eine hervorragende Einführung in die belgische Geschichte handelt. Driessen bietet einen guten, leicht verdaulichen Überblick über 2000 Jahre Belgien. Nicht zu ausführlich, aber auch nicht zu kurz.

Am Ende hat der Leser das Gefühl, eine Menge gelernt zu haben. Auch viel Überraschendes ist dabei. Eine Terra incognita ist Belgiens Geschichte nach der Lektüre auf keinen Fall mehr.

Kay Wagner

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