Reclam-Heftchen feiern 150. Geburtstag

Am 10. November 1867 erschienen die erste Bände von Reclams Universalbibliothek. Die Reihe ist die älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe. Reclams Literaturklassiker wurden für den Deutschunterricht unentbehrlich. Auch in Ostbelgien haben Generationen von Schülern die berühmten gelben Büchlein im Unterricht gelesen.

Faust: das erste Reclam-Büchlein aus dem Jahr 1867, eine Ausgabe von Anfang des 20. Jahrhunderts und eine neue Ausgabe (Bild: Franziska Kraufmann/DPA)

Faust: das erste Reclam-Büchlein aus dem Jahr 1867, eine Ausgabe von Anfang des 20. Jahrhunderts und eine neue Ausgabe (Bild: Franziska Kraufmann/DPA)

„Natürlich bin auch ich sozialisiert worden durch Reclam-Titel in der Schule. Ich kann die auch noch alle aufzählen. Das fing an mit ‚Kleider machen Leute‘ von Gottfried Keller, dann natürlich das ‚Amulett‘ von Conrad Ferdinand Meyer. Dann kamen Lessing, Goethe und Schiller“, erklärt der Direktor des Düsseldorfer Goethe-Museums, Prof. Christof Wingertszahn.

„Das Gute ist ja tatsächlich, dass das, was man vielleicht auch unwillig als Schüler gelesen hat, dann doch weiter wirkt und man es später noch mal zu würdigen weiß. Ich nehme meine alten Reclam-Hefte immer wieder raus und lese darin.“ So wie Wingertszahn geht es vielen. Die broschierten Bücher im Hosentaschenformat sind Erinnerungsstücke an die Schulzeit.

„Das Konzept dieser Reihe besteht nach wie vor darin, für relativ wenig Geld hohe Literatur anzubieten“, erklärt der Germanist Dr. Hans-Jochen Marquart. „So dass eben nicht nur reiche Leute sich das leisten konnten, sondern, als die Reihe begann, zum Beispiel eben auch ein Dienstmädchen.“

Marktlücke

Marquardt ist leidenschaftlicher Sammler der Reclam-Hefte, die ihre Geburtsstunde einer Lockerung des Urheberrechts zu verdanken hatten. Viele Verleger witterten ein gutes Geschäft. Um seine Konkurrenten auszustechen, begann Reclam schon Monate vor Einführung der Gesetzesnovelle mit dem Druck und produzierte über 50 Buchtitel auf Vorrat.

Die Büchlein fanden reißenden Absatz. Goethes „Faust“ zum Beispiel, mit einer für damalige Verhältnisse hohen Startauflage von 5.000 Exemplaren in den Handel gekommen, war innerhalb weniger Wochen vergriffen.

Die Geschäfts-Idee, die der Leipziger Verleger Anton Philipp Reclam mit seinem Sohn Hans-Heinrich entwickelt hatte, schloss eine Marktlücke. „Das Neuartige an dem Konzept war dieses bildungspolitische Programm mit der Möglichkeit, sich selbst eine eigene Bibliothek zusammenzustellen“, so Dr. Marquardt.

20.000 Titel

Neben den Klassikern brachte Reclam in seiner Reihe bald auch zeitgenössische Literatur, philosophische Werke, Gesetzessammlungen oder Opern-Libretti heraus und schuf damit Lese- und Lernstoff, der für alle erschwinglich war. 1908 umfasste der Katalog schon 5000 Werke, die sogar mit Hilfe modernster Verkaufsautomaten vertrieben wurden.

Bis heute hat Reclam annähernd 20.000 Titel verlegt, über 3.000 davon sind ständig lieferbar. „Und insofern trifft eben nach wie vor dieser alte Spruch aus dem Jahr 1907 zu, den der Verlag sich ja selbst als Motto gegeben hat: Multa et Multum. Eben vieles für viele Menschen zu bieten. Reclams Universalbibliothek ist heute die älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe“, sagt Dr; Marquart.

Bestseller des Verlagshauses, das heute in Stuttgart sitzt, sind nach wie vor die alten Werke: Schillers „Wilhelm Tell“ mit einer Nachkriegsauflage von 5,4 Millionen, dicht gefolgt von Goethes „Faust“ und Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“. An Schulen und Universitäten sind die Büchlein, die 1970 ihren markanten gelben Einband erhielten, auch im E-Book-Zeitalter unentbehrlich.

Alfried Schmitz

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