Unterschätztes Kuschelritual: Eltern beginnen zu spät mit Vorlesen

Sollen Eltern schon ihren Babys vorlesen? Unbedingt, rät die Stiftung Lesen. Denn Vorlesen habe nicht allein etwas mit Spracherwerb zu tun. Die emotionale Bedeutung sei genauso wichtig.

Vorlesen (Illustrationsbild)

Illustrationsbild: Virginie Lefour/Belga

Es muss nicht Goethe sein fürs Baby – aber ein Bilderbuch wäre schon nicht schlecht. Denn viele Eltern fangen nach einer Studie der Stiftung Lesen bei ihren Kindern zu spät mit dem Vorlesen an, erst mit neun Monaten und danach. Dahinter steckt nach Meinung der Autoren eine „Bildungsdenke“, die eine wichtige Komponente unterschätzt: Beim frühen Vorlesen geht es nicht allein um Spracherwerb. Es geht auch um gute Gefühle wie Geborgenheit. Einem Fünftel der Kleinkinder – auch das ergab die repräsentative Umfrage – entgeht diese Erfahrung.

Mozart beim Babyschwimmen, Chinesisch in der Krabbelgruppe: Die private Bildungsbeflissenheit mancher Eltern hat im Zeitalter von Pisa-Tests und G8 auch schon seltsame Blüten getrieben. Die Tendenz aber halten Bildungsforscher für positiv. Gute und vielseitige Bildung steht auch in der neuen repräsentativen Umfrage unter Eltern mit Kindern zwischen drei Monaten und drei Jahren auf einem Spitzenplatz: 86 Prozent der Mütter und Väter ist das für ihr Kind besonders wichtig – knapp vor Höflichkeit und gutem Benehmen (83 Prozent). Dass Lesen zur Bildung dazugehört, versteht sich für eine Mehrheit der Eltern ebenfalls von selbst.

Nähe, Sicherheit und Geborgenheit

Doch dann beobachtet Studienleiterin Simone Ehmig so etwas wie einen Denkfehler. „Eltern haben oft eine sehr nüchterne Sicht aufs Vorlesen“, sagt sie. Die meisten wüssten, dass es gut sei für die Sprachentwicklung und sähen es als Mittel zum Zweck. Deshalb unterstellten sie, dass ihr Kind schon etwas können muss, damit es etwas davon hat. Doch viele Eltern unterschätzten die emotionale Komponente dieses Rituals, ergänzt Ehmig. Beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern entstehe vor allem Nähe – und dazu kämen gute Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit, kurz Kuschelglück für Eltern und Kind.

Von einem drei Monate alten Baby lässt sich kaum verlangen, dass es länger Bilder anguckt oder einer Geschichte lauscht. „Ganz am Anfang hat es viel mit der Haptik zu tun“, erläutert Ehmig. „Kinder begreifen im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich ein Buch anfühlt und was man damit machen kann. Es macht auch nichts, wenn sie da mal reinbeißen.“ Die ersten Bücher seien meist aus Stoff, Plastik oder Holz. Materialien, die Kinder von ihrem Spielzeug kennen. „Bücher sind für sie dann später keine andere Welt, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu.“

Man kann nicht früh genug anfangen

Die Lösung heißt für die Forscher: Ermutigung zu früherem Vorlesen, spielerisch, ohne Leistungsdruck oder mit der Angst, etwas falsch zu machen. „Ob drei, vier oder sechs Monate. Da lässt sich kein genaues Datum definieren. Es kommt auch auf die Situation der Familie und das Kind an“, sagt Ehmig. Es gehe darum, ein Wohlfühl-Ritual zu schaffen, und seien es am Anfang nur wenige Minuten. „Denn Eltern werden das dann mit größerer Wahrscheinlichkeit auch fortsetzen.“

Das führt zu einem zweiten Knackpunkt, den bereits frühere Vorlesestudien gezeigt haben. Ein Fünftel der befragten Eltern liest Töchtern und Söhnen nach der jüngsten Untersuchung gar nicht vor. Weitere acht Prozent nehmen sich diese Zeit zu selten, um ein Ritual zu schaffen. Und für mehr als jedes zweite Kind gibt es höchstens zehn Kinderbücher im Haushalt. Manchmal auch gar keine – trotz des Angebots in Bibliotheken.

„Mit dem Vorlesen können Eltern nicht früh genug anfangen“, betont Antje Neubauer aus dem Fachkuratorium Bildung der Deutschen Bahn Stiftung, die wie die Wochenzeitung „Zeit“ an der Studie beteiligt ist. Der frühe Start führt für Bildungsforscher später zu einer höheren Motivation, selbst zu lesen, auch im Verbund mit anderen Medien. „Wenn Kinder das gern und häufig tun, fällt es ihnen später leichter, Texte zu verstehen, bis hin zu den Textaufgaben in Mathematik“, ergänzt Ehmig.

Vorlesemüdigkeit

Vorlesemüdigkeit hat aber nicht allein etwas mit Bildungsferne zu tun, sondern auch mit fehlenden eigenen Erfahrungen aus der Kindheit – auch den emotionalen. „Das ist wie ein Kreislauf. Wer das selbst nicht erlebt hat, gibt es auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit weiter“, sagt Ehmig. Eltern müssten aber weder viel Geld noch ein hohes Bildungsniveau haben, um dem Kind diesen wichtigen Impuls Lesen mit auf den Weg zu geben. Um den Kreislauf zu durchbrechen, bedürfe es gar nicht viel.

Da reicht schon – auch das zeigt die Studie – ein Kinderbuch als Geschenk. Nur jedes siebte Elternpaar nutzte es nie. Ein Viertel der Mütter und Väter von Kindern unter einem Jahr hat nach der Untersuchung aber Unterstützungsbedarf. Sie sind sich nicht sicher, was für ein Buch sie nehmen sollen. Aber das heißt nicht, dass sie keines wollen. Bereits frühere Vorlesestudien zeigten, dass die Sprache, in der vorgelesen wird, nicht wichtig ist. Viel entscheidender ist, dass sich Eltern in ihr wohlfühlen.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

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