Weiter geht’s durch den Gemüsegarten der Redewendungen

Und wieder einmal streift Professor Siegfried Theissen quer durch den Gemüsegarten der Redewendungen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Aus dem Nähkästchen plaudern (kleine Geheimnisse ausplaudern): Es handelt sich um das Nähkästchen des Damenkränzchens.

Alles paletti! (alles in Ordnung!): Der Ursprung dieser Redewendung ist umstritten. Eine mögliche Erklärung wäre die Italianisierung von Palette, als etwas Flachem ohne Unebenheiten. Daher die Bedeutung „kein Problem, alles in Butter“.

Unter dem Pantoffel stehen (zu Hause nichts zu sagen haben): Bis im 17. Jahrhundert trugen nur Frauen Pantoffeln. Wer also zu Hause nichts zu sagen hatte, stand unter dem Pantoffel seiner Frau.

In der Patsche sitzen (sich in einer unangenehmen Lage befinden): Patsche ist abgeleitet vom Verb patschen (mit der Hand in oder auf Wasser schlagen, ein lautmalendes Wort). Man meint also wörtlich: In einer Pfütze Wasser sitzen.

Jemandem auf die Pelle rücken (jemandem zu nahe kommen, jemanden bedrängen): Die Pelle ist die Haut der Wurst. Hier steht sie stellvertretend für die menschliche Haut.

Jemandem einen Persilschein ausstellen (jemandem eine weiße Weste bescheinigen): In einem Werbeslogan behauptet(e) die Marke Persil, dass ihr Waschmittel weißer als weiß wäscht. Nach 1945 bedeutete diese Redewendung, dass man jemandem bei der Entnazifizierung eine weiße Weste bescheinigte. Heutzutage meint man damit, dass man jemanden von jeder Schuld freispricht.

Ruhe auf den billigen Plätzen! (Seid mal ruhig!): Im Theater befinden sich die billigsten Plätze auf den höchsten Rängen. Dort kann es oft ziemlich laut sein.

Auf den Putz hauen (ausgelassen feiern und dabei viel Geld ausgeben): Der Putz ist hier nicht der Mauerbewurf, sondern das Herausputzen. Man denkt an den Kopfschmuck eines Ritters. Beim Zweikampf versuchte man dem Gegner auf den mit Federn geschmückten Helm zu schlagen.

Bis in die Puppen schlafen (sehr lange schlafen): Friedrich der Große hatte im Berliner zoologischen Garten große Statuen der antiken Götterwelt aufstellen lassen. Statuen, die die Berliner Puppen nannten. Da der Zoo sich ziemlich weit vom Stadtzentrum befand, dauerte ein Spaziergang bis dorthin ziemlich lange. Später ist aus dem langen Abstand eine lange Zeit geworden.

Mit etwas nicht zu Rande kommen (etwas nicht schaffen): Mit Rand ist hier das Ufer gemeint, das man nicht erreichen kann.

Jemandem den Rang ablaufen (jemanden übertreffen): Bei Rang handelt es sich um das oberdeutsche Rank (Wegkrümmung). Man meint also „jemandem den Weg abschneiden“.

Vom Regen in die Traufe kommen (von einer schlimmen Lage in eine noch schlimmere kommen): Die Traufe ist die Dachrinne. Gemeint ist jedoch das aus der Dachrinne abfließende Regenwasser. Wer sich darunter stellt, bekommt weitaus mehr Wasser auf den Kopf als nur Regen.

Aus der Reihe tanzen (sich nicht an die Regeln halten): Es handelt sich um den Reigentanz, bei dem man nicht aus der Reihe tanzen sollte.

In die Röhre gucken (leer ausgehen): Röhre bedeutet hier Dachsbau, in den der Jagdhund wohl hineinsehen, aber nicht hineinkriechen kann.

Von der Rolle sein (erschöpft sein): Hierfür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste bezieht sich auf das Steherrennen, bei dem der Radrenner auf einer Radrennbahn im Windschatten eines Motorrads fährt, hinter einem am Motorrad befestigten Rahmen. Früher war das eine Rolle. Wer nun den Kontakt zu dieser Rolle verliert, hat nicht mehr den Vorteil des Windschattens und kann das Rennen verlieren, weil er von der Rolle ist. Eine andere Erklärung ist die Rolle des Schauspielers, dessen Text im Altertum tatsächlich auf einem zusammengerollten Pergamentbogen stand. Von der Rolle sein, bedeutete dann, dass man entweder seinen Text vergessen hatte oder dass man etwas sagte, was nicht im Text stand.

Jetzt komm mal runter! (Reg dich ab! Sei nicht so arrogant!): Dies ist die Kurzform von „Komm mal runter von deinem hohen Ross!“

Habt ihr zu Hause Säcke an den Türen? (Mach die Tür zu!): Dies bezieht sich auf eine Zeit, in der man statt Türen Säcke am Hauseingang hatte.

Da haben wir den Salat! (jetzt fangen die Probleme an): Wahrscheinlich denkt man an Salat als ein Durcheinander von verschiedenen Gemüsen und Zutaten.

Gib ihm Saures! (zeig es ihm/ihnen!): Diese Anfeuerung beim Sport hat nichts mit sauren Gurken zu tun, sondern mit dem jiddischen zores, das Ärger bedeutet.

In Saus und Braus leben (in großem Wohlstand leben): Zuerst hatte diese Redewendung eine ganz andere Bedeutung, nämlich „in Unruhe leben“. Das Sausen war der Lärm des Windes und das Brausen bezog sich auf die Wellen.

Jetzt schlägt’s dreizehn! (Jetzt wird es mir zu bunt!): Dies bezieht sich auf die dreizehn als Unglückszahl, was auf das Letzte Abendmahl zurückzuführen ist, wo Judas der dreizehnte Gast war. Da eine Uhr höchstens zwölf Schläge zählt, wäre ein dreizehnter Schlag etwas Außergewöhnliches oder sogar etwas Teuflisches.

Ich dachte, mich trifft der Schlag (ich war sprachlos vor Erstaunen): Gemeint ist der Schlaganfall.

Schlagseite haben versteht sich von selbst, wenn man an den Gang des Betrunkenen mit einem schief im Wasser liegenden Schiff vergleicht.

Prof. Siegfried Theissen