Und noch einmal quer durch den Gemüsegarten

Auch diesmal folgen wir Professor Siegfried Theissen auf seinen Streifzügen quer durch den Gemüsegarten der Redewendungen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Hinz und Kunz (jeder, alle Leute): Hinz (jetzt Heinz) ist die Kurzform von Heinrich und Kunz die von Konrad. Da viele große Herren so hießen, nannte das Volk seit dem 13. Jahrhundert seine Knaben auch so. Ab dem 15. Jahrhundert wurde diese Redewendung nur noch ironisch gebraucht.

Bei ihm ist Hopfen und Malz verloren (ihm ist nicht mehr zu helfen): Wenn das Brauen misslungen war, waren auch die beiden Hauptbestandteile des Biers verloren.

Sich die Hörner ablaufen/abstoßen (nicht mehr so radikal sein): Wenn sie sich die Hörner abgelaufen haben, sind die Hirsche viel ruhiger. Eine andere Deutung führt diese Redewendung auf einen alten studentischen Brauch zurück, bei dem ein als Bock verkleideter Neuling sich die Hörner an einer Säule abstoßen musste, um so symbolisch sein tierisches Vorstadium hinter sich zu lassen.

In Hülle und Fülle (in großen Mengen): Bei Luther war die Hülle noch die Kleidung und Fülle die Nahrung. Später haben beide Wörter die heutige Bedeutung angenommen.

Vom Hundertsten ins Tausendste kommen (immer weiter vom Thema abschweifen, sich in Details verlieren): Noch im 17. Jahrhundert rechnete man mit römischen Ziffern. In den Rechentabellen standen die Tausender direkt unter den Hunderten. Man konnte sich also leicht irren, wenn man eine Reihe für die andere nahm. Ursprünglich bedeutete diese Redewendung also sich beim Rechnen irren.

Am Hungertuch nagen (Hunger leiden): Zuerst sagte man am Hungertuch nähen, das heißt an dem Tuch, das man während der Fastenzeit vor den Altar hängte. Als dieser Brauch in Vergessenheit geraten war, verstand man nähen nicht mehr und ersetzte es durch nagen, das sich mehr auf den Hunger bezieht.

Das ist Jacke wie Hose! (das macht keinen Unterschied!): Für beide wurde der gleiche Stoff gebraucht.

Für jemanden die Kastanien aus dem Feuer holen (für jemand anderen etwas Unangenehmes oder Gefährliches tun): In einer Fabel von La Fontaine bittet ein Affe einen Kater, für ihn die gerösteten Esskastanien aus dem Feuer zu holen.

Mit Kind und Kegel (mit der ganzen Familie; mit allem, was man besitzt): Der Kegel hat hier nichts mit einer Kegelbahn zu tun. Es ist ein altes Wort für „ein uneheliches Kind“.

Das Kind muss doch einen Namen haben! (sagt man, wenn man für etwas eine Begründung braucht): Es gibt zwei mögliche Erklärungen: Wenn man einem unehelichen Kind nicht seinen eigenen Namen geben konnte, gab man es als seinen Neffen oder seine Nichte aus. Einer anderen Deutung zufolge, ist diese Redewendung eine Anspielung auf die langwierigen Diskussionen über den zu wählenden Vornamen für ein neugeborenes Kind.

Mit dem ist nicht gut Kirschen essen! (mit dem kann man nicht gut auskommen): Dies ist die Kurzform von „Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen: Sie spucken einem die Kerne ins Gesicht.“ Die Franzosen sagen „Celui qui mange des poires avec son seigneur ne choisit pas les meilleures“.

Kohldampf schieben (Hunger haben/leiden): In der Gaunersprache bedeuten Kohle und Dampf auch Hunger und schieben hatte auch die Bedeutung „sich befinden“. Diese Redewendung meint demnach: sich in einem Hungerzustand befinden.

Krethi und Plethi (allerhand verschiedene Leute, Gesindel): Die Leibwächter von König David waren fremde Söldner, darunter Kreter und Philister. Luther hat dies Crethi und Plethi geschrieben, als Sammelname für eine gemischte Gesellschaft.

Den Kürzeren ziehen (verlieren, unterliegen): Man denkt natürlich an die Strohhalme beim Losentscheid.

Er war „unter ferner liefen“ (er war zweitrangig): Beim Pferderennen bringen nur die ersten drei klassierten Pferde einen Gewinn. Die anderen sind „unter ferner liefen“.

Eine lange Leitung haben (nur langsam begreifen): Diese Redewendung stammt wahrscheinlich aus der Zeit der ersten Telefonverbindungen. Je weiter man vom Anrufer entfernt war, also je länger die Leitung, desto schlechter der Empfang, also das Verständnis.

Sein Mäntelchen nach dem Wind hängen (sich der jeweils herrschenden Meinung anschließen): Ursprünglich hatte diese Redewendung keine pejorative Bedeutung, denn man hing seinen Umhang immer so, dass man vor dem Wind geschützt war. Siehe auch Sein Fähnlein nach dem Wind hängen.

Ein strammer Max (ein Spiegelei auf einem Schinkenbrot): In einigen Teilen Deutschlands nennt man das männliche Glied „Max“. Das besagte Gericht soll den Max stramm oder strammer machen.

Etwas an den Nagel hängen (etwas aufgeben): Früher hängte man alles, was man nicht direkt brauchte, wie Kleider oder Werkzeug an einen Nagel.

Das brennt mir auf den Nägeln (das muss dringend getan werden): Im Mittelalter klebten die Mönche sich Kerzenstümpfe auf die Hände, um in sehr dunklen Kirchen ihre liturgischen Texte lesen zu können. Wenn die Flamme die Nägel erreicht hatte, musste man sich beeilen, das Lesen zu beenden.

Die Nagelprobe für etwas sein (der Prüfstein für etwas sein): Die Nagelprobe war laut Wahrig ein „alter Trinkerbrauch“, der schon Ende des 15. Jahrhunderts auch in Sebastian Brandts Narrenschiff im Zusammenhang mit anderen närrischen Bräuchen beschrieben wurde. Um sicherzustellen, dass das Bierglas bis auf den letzten Tropfen geleert war, wurde der restliche Inhalt des Trinkgefäßes über den Daumennagel der linken Hand gegossen. Betrug der Rest der Flüssigkeit mehr als die Fläche des Daumennagels, so galt das Glas als nicht völlig geleert.“

Prof. Siegfried Theissen