Ausnahmezustand statt Normalität im Theater Aachen

Seit dem 11. März ruht der Spielbetrieb im Theater Aachen. Produktionen, die kurz vor ihrer Premiere standen, mussten abgesetzt werden, für andere konnten nicht einmal die Proben beginnen. Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck und Generalmusikdirektor Christopher Ward richten ihr Augenmerk jetzt auf einen Neustart im Herbst und stellten das Programm der Saison 2020-2021 vor.

Aachener Stadttheater (Bild: Toni Wimmer/BRF)

Bild: Toni Wimmer/BRF

Während Lüttichs Operndirektor Stefano Mazzonis davon überzeugt ist, die neue Saison am 20. September mit einer großen Produktion vor vollem Haus starten zu können, ist man in Aachen vorsichtiger und wohl auch realistischer. Erst am 10. Oktober soll die erste Schauspielpremiere auf der Großen Bühne zur Premiere gelangen: „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux steht dann auf dem Programm.

Das Theater möchte im Schauspiel über die gesamte Saison thematisch einen Blick in die Zukunft wagen mit der Frage „Wer hat den Mut zur Veränderung?“. Vielleicht werden wir uns tatsächlich zumindest in der nahen Zukunft auch bei unseren Kulturangeboten an Veränderungen gewöhnen müssen.

Unbeschwert alle Plätze der verschiedenen Spielstätten des Theaters Aachen zu besetzen, wird gewiss nicht möglich sein. Nach den aktuellen Vorgaben werden im Großen Haus 200 Plätze zur Verfügung stehen, in der Kammer 25 bis 40, das Mörgens wird, so zumindest die Hoffnung, im kommenden Jahr wieder eröffnen dürfen und selbst im Eurogress wird für die Symphoniekonzerte die Besucherkapazität auf 350 heruntergefahren.

Auch auf dem Konzertpodium gilt es die notwendigen Abstandsregeln zu beachten. So hat Generalmusikdirektor Christopher Ward auch ein entsprechendes Programm vorbereitet. „Es ist mir lieber, vernünftig und relativ klein zu beginnen und das Ganze dann wieder aufzubauen. Ich möchte nicht zum Beginn der Spielzeit eine Mahler Sinfonie ankündigen. Ich habe versucht, die Konzertsaison so zusammenzustellen, dass es verschiedene Varianten gibt“, erklärt Ward.

„Wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird. Wir wissen auch nicht, wie die Situation im Eurogress sein wird. Beim ersten Sinfoniekonzert beginnen wir klein aber fein, und beim zweiten haben wir auch zum Beispiel die Variante vorgesehen, ohne Pause zu spielen, natürlich müssen wir auch schauen, ob ausreichend Platz auf der Bühne sein wird. Wir möchten auch ein Gefühl dafür bekommen, ob wir für die Zuschauer etwas ändern müssen. Das ist alles schwierig, aber auch spannend. Die Rahmenbedingungen schaffen ein Feld, aus dem wir das Beste machen wollen.“

So werden – doch hoffentlich – acht Sinfoniekonzerte angeboten werden können. Und die Hoffnung ist, dass zum Beispiel im Februar 2021 der „Bolero“ von Maurice Ravel gespielt und im Mai im Rahmen der Chorbiennale mit großem Chorensemble Rachmaninow aufgeführt werden kann.

La Calisto

In der Oper wird es am 1. November mit der Barockoper „La Calisto“ eine erste Premiere geben. Aber auch hier ist nicht an eine sonst übliche Aufführungspraxis zu denken. „Das Orchester von ‚Calisto‘ mit 14 Musikern könnte unter den aktuellen Regeln nicht einmal im Orchestergraben Platz nehmen, denn da sind derzeit maximal neun Musiker zugelassen, da für jeden Musiker zehn Quadratmeter Platz vorzusehen ist“, erklärt Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck.

„Aber für ‚La Calisto‘ war ohnehin diese Disposition geplant mit Musikern auf der Bühne. Jetzt gilt es die Abstände zwischen den neun bis zehn Sängern umzusetzen, denn die dürfen sich auch nicht zu nahe kommen. Regisseur Ludger Engels ist aber ohnehin ein Regisseur, der keine sehr psychologischen Arbeiten abliefert, sondern sehr häufig mit Video und Choreographien arbeitet. Ich bin sehr gespannt, was er aus der Situation macht.“

Theater im Ausnahmezustand

Nach „La Calisto“ folgt im Dezember „Die Schöne und das Biest“ von Philipp Glass, bevor dann im Februar mit Puccinis „Turandot“ das große Repertoire angegangen werden soll. Es folgen noch Bizets „Carmen“ und „Die Lustige Witwe“ von Franz Lehar sowie die Produktion der Musikhochschule, die Mozart gewidmet ist. So ist zumindest die Hoffnung von Michael Schmitz-Aufterbeck.

Und was ist, wenn die Sicherheitsvorgaben sich bis dahin nicht geändert haben? „Da möchte ich gar nicht so intensiv drüber nachdenken. Ich glaube, das kann man nur eine gewisse Zeit aushalten. Wir haben ja auch momentan eine Zeit, in der die Politik und auch alle anderen mehr über die Krankheit und die Gefahren der Krankheit sprechen. Mir macht die Zeit danach mehr Angst. Wenn die Krankheit vielleicht vorbei ist oder mehr in den Hintergrund tritt und eigentlich nur noch über die ökonomischen Zwänge gesprochen wird. Diese Zeit wird garantiert kommen.“

Aber die Hoffnung bleibt und deshalb wird das Theater Aachen auch schon Ende dieses Monats an vier Abenden auf dem Gelände des Freibads Hangeweiher mit Schauspielern und Musikern ein Programm anbieten, das Lust auf die neue Spielzeit machen soll. Allerdings werden selbst hier maximal 70 bis 100 Besucher dabei sein können. Es ist tatsächlich Theater im Ausnahmezustand.

Hans Reul