Der ewige Streit um Nofretete

Zahi Hawass ist in einer Mission unterwegs: Mindestens ein halbes Dutzend Kunstschätze zählt er zum Kernstück «ägyptischer Identität». Er will sie alle wieder an den Nil holen.

Büste der Nofretete

Büste der Nofretete

Eines muss man Zahi Hawass lassen: Der Chef der Ägyptischen Altertümerverwaltung hat ein gutes Zeitgespür: Als im vergangenen Oktober das Neue Museum in Berlin mit der Büste von Königin Nofretete wieder eröffnete, war Kairos Oberarchäologe zur Stelle. Und pünktlich zur Reise von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) nach Ägypten an diesem Wochenende forderte der medienerfahrene Wissenschaftler erneut die Rückgabe der 3300 Jahre alten Kalksteinbüste. Diesmal meint es Hawass angeblich ganz ernst.

«Wir diskutieren jetzt nicht mehr darüber, ob wir dies tun, sondern nur noch darüber, wie diese Forderung formuliert werden soll», sagte der Generalsekretär der Archäologie-Behörde der Nachrichtenagentur dpa in Kairo. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) stellte sofort klar: «Die Büste der Nofretete bleibt in Berlin!» In der Bundesregierung erklärt man Hawass‘ neuen Vorstoß vor allem als Teil einer innerägyptischen Kontroverse.

Zahi Hawass und Prinzessin Seri von Thailand vor der Sphinx 2009

Zahi Hawass und Prinzessin Seri von Thailand vor der Sphinx 2009

Die Bundesregierung lässt an der Büste nicht rütteln. Das Glanzstück der ägyptischen Sammlung im Neuen Museum sei 1913 im Rahmen einer Fundteilung rechtmäßig durch die Deutsche Orientgesellschaft und später durch den preußischen Staat erworben worden. «Dies ist mit Dokumenten zweifelsfrei belegt. Rechtsansprüche Ägyptens auf Rückgabe der Nofretete entbehren daher jeder Grundlage.»

Bis Freitag war in Berlin noch kein Ersuchen eingegangen. Doch Hawass wird nicht locker lassen. Der Mann, der sich gerne mit einem Indiana-Jones-Hut zeigt, ist in einer Mission unterwegs: Mindestens ein halbes Dutzend Kunstschätze zählt Hawass, mittlerweile zum stellvertretenden Kulturminister aufgestiegen, zum Kernstück «ägyptischer Identität». Er will sie alle wieder an den Nil holen.

Die Kollektion der entführten Kulturgüter

Dazu gehören der berühmte Rosetta-Stein aus dem British Museum in London, die rund 4500 Jahre alte Statue von Prinz Hemiunu im Roemer-und Pelizaeus-Museum Hildesheim, die ebenso alte Büste des Prinzen Ankhhaf aus Boston sowie die Staue von Ramses II aus Turin – und eben das blauschimmernde Haupt der Nofretete.

Im diesem Fall ist Hawass der Ansicht, dass Ludwig Borchardt, der die Büste der Gattin von Pharao Echnaton 1912 in Tell al-Amarna ausgegraben hatte, die Verantwortlichen in Kairo, damals die französische Kolonialverwaltung, hinters Licht geführt hat. Der deutsche Archäologe habe sicherstellen wollen, dass die vom Bildhauer Thutmosis geschaffene Büste nach Deutschland kommt. In Berlin wird diese Täuschungsabsicht bestritten.

Nicht nur den Deutschen wird koloniales Gehabe und Imperialismus im Umgang mit Altertümern vorgeworfen. Vor allem die Briten werden mit den Folgen ihrer einst weltumspannenden Expansion konfrontiert. Ob aus Italien, Griechenland, Nigeria oder Irak – das British Museum steht an «Europas westlicher Front im globalen Krieg um das Kulturerbe», schrieb jüngst die «New York Times».

Die britisch-griechische Kunstfehde

Zum Paradestück hat sich der Streit um die Rückgabe der sogenannten «Elgin Marbles» ausgewachsen, jenes Schmucks aus der Akropolis in Athen, der seit zwei Jahrhunderten im Londoner Museum ausgestellt wird. Wie Berlin im Fall Nofretete sieht sich auch London juristisch im Recht.

Hinter dem Streit steht eine Auseinandersetzung um die Definition dessen, was Kultur im globalen Zeitalter bedeutet. Staaten wie Ägypten oder Griechenland nutzen Begriffe wie «nationales Erbe»oder «kulturelle Identität», um ihre Forderungen zu unterstreichen. Die großen Museen in Europa und den USA beharren darauf, dass die archäologischen Funde in ihren Häusern in einem größeren Erklärungskontext gezeigt und somit für die Besucher als Teil der Weltkultur erst verständlich werden.

Mit dem Satz «Griechenland den Griechen» hatten in den achtziger Jahren der damalige Ministerpräsident Andreas Papandreou die Rückgabe der «Elgin Marbles» begründet. Sein Sohn, der heutige Regierungschef Georgios Papandreou, hat zurzeit andere Sorgen.

Esteban Engel (dpa) - Bilder: epa