Es ist der zweite Kriegsmonat in Israel, und der Frieden ist weit weg, sagt Nikodemus Schnabel. Er ist Abt des Dormitio-Klosters, das auf dem Zionsberg neben der Jerusalemer Altstadt liegt. Dort lebt der 48-Jährige in einer kleinen Gemeinschaft von Benediktiner-Mönchen. Bei Raketenalarm finden Abt Nikodemus und seine Mitbrüder Schutz im Bunker unter dem Kloster oder in der Krypta der Kirche. Sorgen macht er sich vor allem um die vielen Arbeitsmigranten aus Asien.
"Der erste getötete Mensch in Israel war eine Philippina, eine Arbeitsmigrantin, die beim Raketenalarm entschieden hat, sich nicht selbst sofort in Sicherheit zu bringen, sondern bei der alten Person zu bleiben, die ihr anvertraut war, und das mit dem Leben bezahlt hat. Wenn ich Raketenalarm höre, weiß ich, es wird wieder Tausende Philippina, Srilankesinnen und Inderinnen geben, die nicht in die Schutzbunker gehen, weil sie sich um kranke oder behinderte Menschen kümmern und nicht weggehen wollen."
Die Dormitio-Abtei versucht, auch in Kriegszeiten eine Anlaufstelle zu bleiben, auch wenn das Kloster wie andere religiöse Stätten nach Kriegsbeginn die Pforten schließen musste. "Wir lassen zu Gebetszeiten auch Menschen herein, wenn wir unter 50 Personen bleiben. Das können wir garantieren. Wir haben ja noch eine kleine deutschsprachige Gemeinde hier. Es gibt noch Diplomaten, Journalisten und andere, die in Jerusalem geblieben sind. Für sie sind wir ein wichtiger Ankerpunkt."

Während in der Jerusalemer Altstadt alles geschlossen ist, herrscht in der Neustadt von Jerusalem normaler Alltag - eine absurde Situation, findet Abt Nikodemus. "In der Neustadt, direkt unterhalb der Altstadtmauer, sind Cafés und Geschäfte offen und voll. Ich verstehe nicht, warum Kirchengebäude schließen müssen und einer höheren Gefahr ausgesetzt sein sollen als Gebäude, die nicht so stabil gebaut sind."
Für die gläubigen Menschen sei die aktuelle Lage bitter: Die Juden müssen auf das große Pesachfest verzichten, die Christen hatten sich auf Ostern gefreut. Anfang des Jahres gab es noch Hoffnung, dass wieder Pilger ins Land kommen. "Wir hatten zum ersten Mal wieder Pilgergruppen aus Österreich und Paris. Jetzt ist wieder alles auf Null."
Und damit fehlen auch die Einnahmen für die 24 Mitarbeiter. Trotzdem beschäftigt das Kloster sie weiter, um ihnen und ihren Familien das Überleben zu sichern. Als Unterstützung hat die Dormitio-Abtei die Aktion Osterlicht gestartet. Gegen eine kleine Spende können Pilger aus der Ferne Ostern in Jerusalem mitfeiern und dort eine Kerze brennen lassen. Mehr Infos dazu gibt es auf der Dormitio-Webseite.
Ausführliches Radio-Interview mit Nikodemus Schnabel im Player:
Michaela Brück