Leidenshierarchie: Warum man sich schlecht fühlen darf

Das eigene Leid mit anderen zu vergleichen, ist nicht unbedingt hilfreich, aber äußerst menschlich. Viel wichtiger ist aber, sich nicht für das eigene Leiden zu schämen. Auch kleinere Leiden sollte man ernst nehmen, sagen Forscher, die sich in das Thema der Leidenshierarchie vertieft haben.

Psychische Gesundheit durch Corona-Krise angegriffen (Illustrationsbild: Bildagentur PantherMedia / Antonio Guillen Fernández)

Quarantäne kann für Personalmangel in kritischen Sektoren sorgen (Illustrationsbild: Bildagentur PantherMedia / Antonio Guillen Fernández)

Anfang April veröffentlichte ein Journalist auf „Spiegel Online“ eine Beschwerde über die neue „Homeoffice-Elite“. Der Titel der Publikation lautete vielsagend: „Heult leise!“. Wer im warmen Stübchen sitze und bei vollem Gehalt bequem von Zuhause aus arbeiten könne, der solle sich gefälligst nicht beschweren, schrieb Jochen-Martin Gutsch sinngemäß. Nur überlastetes Krankenhauspersonal, Ärzte , „virenumwehte Kassiererinnen“ und Menschen in existenziellen Nöten hätten das Recht, Trübsal zu blasen.

Aber kann man Leid überhaupt vergleichen? Der psychologische Mechanismus dahinter hat einen Namen: Leidenshierarchie. Es gibt kaum wissenschaftliche Literatur zur Leidenshierarchie oder Opferhierarchie – und genau das hat zwei Forscher der Universität Leiden keine Ruhe gelassen. Denn jeder leidet ja auf seine eigene Art und Weise. Und jeder kann Leiden auch unterschiedlich bewerten. Das macht das Thema noch komplizierter, aber auch interessant.

Der Professor für klinische Psychologie Vincent van der Vlies und die Opferforscherin Pauline Aarten (Viktimologin) arbeiteten in den letzten Jahren an der Katastrophe im nordholländischen Dorf Volendam. In der Neujahrsnacht von 2000 auf 2001 wütete ein kurzes, aber sehr intensives Feuer im Jugendcafé ‚t Hemeltje, nachdem die Weihnachtsdekoration Feuer gefangen hatte. 14 Menschen starben und fast 250 wurden verletzt. Das Drama schockte die ganze Gemeinde, da es hauptsächlich junge Menschen betraf.

Keine sichtbaren Verbrennungen

„Selbst jetzt, zwei Jahrzehnte später, fallen manche Menschen noch in eine Depression oder leiden plötzlich unter posttraumatischem Stress“, sagt Vincent van der Vlies. Doch jahrelang haben sie sich nicht als Opfer betrachtet, weil sie zum Beispiel niemanden verloren hatten oder keine sichtbaren Verbrennungen haben.

Hier sieht man Elemente der Leidenshierarchie am Werk: Man denkt, dass man kein Recht hat, über das eigene unsichtbare Leid zu jammern, weil alles vom Verlust der Menschenleben überschattet wird.

Es ist ein Tabu, sein Leiden mit dem anderer zu vergleichen. Dabei machen wir das trotz allem unbewusst. Es heißt ja so schön, „man soll die Dinge relativieren“. Und im Ernstfall muss ein Krankenhaus bei der Triage auch eine Leidenshierachie haben.

Lebensrettende Erste Hilfe ist natürlich auch in der Corona-Pandemie am dringendsten. Doch dann beginnt die Grauzone der vernachlässigten Opfer. Hinterbliebene, die sich nicht von ihren Liebsten verabschieden konnten, oder Krebspatienten, die länger auf ihre Behandlung warten mussten.

Indem eine Gesellschaft bestimmte Leiden an den unteren Rand der Hierarchie stellt, schafft sie vergessene Gruppen. Gruppen, die sich als Opfer fühlen, aber nicht als solche anerkannt werden und deshalb kein oder weniger „Anspruch“ auf Nachsorge haben. Nachsorge, die aber eine wichtige Rolle spielen kann, wie Menschen die Ereignisse verarbeiten, so die Forscher.

Van der Vlies rät zwar davon ab, Leiden ständig zu vergleichen. Aber man sollte es auch nicht leugnen oder versuchen zu vergessen. Denn wenn man leidet und dieses schlechte Gefühl auch noch mit Schuldgefühlen zudeckt, werde man sich noch schlechter fühlen. Viel wichtiger sei es, alles Leid anzuerkennen und für eine angemessene Nachsorge zu sorgen. Manche Leiden mögen wichtiger sein als andere, aber letztlich verdiene es jeder Schmerz, ernst genommen zu werden.

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