Adéu Espanya: Katalanen fordern Eigenständigkeit

Während David Villa, Xavi und Co. bei der WM in Südafrika das ganze Land repräsentieren, demonstrierten in der Heimat viele Katalanen für die Unabhängigkeit.

Demo in Barcelona

Demo in Barcelona

Einen solchen Massenprotest hat Katalonien seit dem 11. September 1977 nicht mehr erlebt. Damals, knapp zwei Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur (1939-1975), gingen die Menschen in Barcelona auf die Straße, um Freiheit, Amnestie und Autonomie zu fordern. 33 Jahre später skandierten nun am Wochenende rund eine Million Demonstranten: «Wir sind eine Nation!».

Doch das will der spanische Staat den 7,5 Millionen Einwohnern der wirtschaftsstärksten Region des Landes nicht zugestehen. «Die Verfassung kennt keine andere Nation als die spanische», heißt es in einem Urteil vom 28. Juni. Die entsprechende Passage in dem neuen katalanischen Autonomie-Statut von 2006 sei deshalb rechtlich wertlos, stellten die Verfassungsrichter in Madrid fest.

Mehr als nur eine „kulturelle“ Nation?

Das gelte auch für die Hymne und die Flagge Kataloniens. Als Nation könnten sich die Katalanen nur im ideologischen, historischen oder kulturellen Sinne verstehen. Auch Katalanen, die zwar auf ihre Region stolz sind, aber sich durchaus zu Spanien zugehörig fühlen, empfanden das als Ohrfeige. «Das ist ein Affront, ein Anschlag auf unsere Selbstverwaltung», wetterte der katalanische Regierungschef José Montilla und rief zum Protest gegen das Urteil auf.

Der Sozialist Montilla, ein Parteifreund von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero, tritt zwar auch nicht für die Loslösung Kataloniens von Spanien ein, wohl aber die mit ihm regierenden Linksrepublikaner (ERC). Ihr Vorsitzender, Joan Puigcercós, ist nach der Demonstration überzeugt: «Nun beginnt der Prozess der Unabhängigkeit Kataloniens.»

Denn das Urteil des Verfassungsgerichts hat den Separatisten Auftrieb gegeben. Und im Herbst wird in Katalonien gewählt. «Adéu Espanya» (Tschüs, Spanien) war am Samstag auf zahllosen Plakaten zu lesen. Montilla, der den Protestzug eigentlich anführen wollte, musste von seinen Leibwächtern in Sicherheit gebracht werden, weil Radikale ihn anzugreifen drohten. «Botifler!» (Verräter), riefen sie ihm zu, während er in seinen Dienstwagen sprang und davonrauschte.

Ein föderales Spanien?

Dabei schien der jahrzehntelange Streit um die Autonomie Kataloniens 2006 weitgehend beigelegt. Damals nahmen die Katalanen in einem Referendum ein neues Statut an, das zuvor auch von den Parlamenten in Barcelona und in Madrid abgesegnet worden war.

Die Charta, die in etwa der Landesverfassung eines Bundeslandes in Deutschland entspricht, ersetzte die alte Fassung aus dem Jahre 1979.  Schon diese gewährte den Katalanen eine weitgehende Autonomie mit eigener Regierung, eigenem Parlament oder einer eigenen Polizei. Doch die konservative Volkspartei (PP) reichte gegen die Reform Verfassungsbeschwerde ein. Das neue Statut bedrohe die Einheit Spaniens, so ihr Argument.

Schon genug am Hals

Für Ministerpräsident Zapatero könnten die neuen regionalen Spannungen kaum ungelegener kommen. Mit dem Kampf gegen die Schulden- und die Wirtschaftskrise hat er eigentlich schon genug zu tun. In der Zeitung «El País» appellierte er am Sonntag an den Geist der Eintracht. «Es kann nur einen Sieg geben: den der Mannschaft.»

Er meinte damit in erster Linie die – in wichtigen Positionen aus Katalanen bestehende – Fußball-Nationalelf, die mit ihrem Spiel ganz Spanien in ihren Bann gezogen hat. Es war aber auch ein Wink auf die politische und wirtschaftliche Situation des Landes. Passend dazu meinte Trainer Vicente del Bosque: «In der Nationalmannschaft gibt es einen Zusammenhalt, der auch Spanien guttäte.»

Jörg Vogelsänger (dpa) - Bild: epa