Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für David Grossman

Grossman setze sich aktiv für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein, heißt es in der Begründung.

David Grossman

David Grossman

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010 geht an den israelischen Schriftsteller David Grossman. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Auftakt der Buchtage Berlin bekannt. Grossman setze sich aktiv für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein, heißt es in der Begründung.

Porträt

Der israelische Schriftsteller David Grossman beschreibt in seinen Büchern das Leiden des Einzelnen am nicht enden wollenden Konflikt in Nahost auf eindringliche Weise. Der 56-Jährige ist von dem blutigen Zwist zwischen Israel und den Arabern selbst persönlich zutiefst getroffen: Sein Sohn Uri wurde im Sommer 2006 im Libanonkrieg getötet, nur zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe. Auch nach diesem tragischen Verlust blieb der Autor seiner Rolle als Sprachrohr der israelischen Friedensbewegung treu.

Zuletzt bekamen seine Äußerungen zur Lage der Nation allerdings einen immer düsteren und verzagten Unterton. «Das Land ist gepalten zwischen Verzweiflung und Verleugnung», sagte er vor einem Monat während des internationalen Schriftsteller-Festivals in Jerusalem bei einer Gesprächsrunde mit seinem Freund, dem US-Autor Paul Auster. «Wir sind gefangen in einer Kultur des Hasses und der Ängste. Die Gewalt ist in unsere inneren Organe eingedrungen.» Der 1954 als Sohn eines Busfahrers in Jerusalem geborene Friedensaktivist beschrieb Israel als einen «selbstmörderischen Staat».

Seinen im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Roman «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» beendete er nach dem Libanonkrieg. Der Autor beschreibt darin die quälende Angst einer israelischen Mutter um ihren Sohn, der sich zum Ende seines Militärdienstes im Westjordanland freiwillig zu einer großen Offensive meldet. Sie bricht zu einer Reise auf in dem irrationalen Glauben, sie könnte durch die Flucht vor der schlimmen Nachricht den Tod selbst verhindern. Damit wird sie zum weiblichen Alter Ego Grossmans, der das Buch zu Beginn des Militärdienstes seines Sohns angefangen hatte und ihn damit symbolisch «beschützen» wollte – vergeblich.

Grossman hat an der Hebräischen Universität Philosophie und Theater studiert, später arbeitete er beim israelischen Hörfunk. Berühmt wurde er mit seinem Roman «Stichwort: Liebe» (1986). In Israel sind auch seine Kinderbücher sehr beliebt. In all seinen Werken versteht Grossman es meisterlich, in die Haut der verschiedensten – besonders auch weiblichen – Charaktere zu schlüpfen und ihnen eine ganz indivuelle, lebhafte Stimme zu verleihen. Im persönlichen Auftreten wirkt der zart gebaute Brillenträger mit den rötlichen Haaren dagegen eher etwas blass und zurückhaltend.

Als einen der prägenden Einflüsse seiner Jugend in Jerusalem beschrieb er die Nachwirkungen des Holocaust. «Ich wuchs in einer Nachbarschaft und Familie auf, in der man nicht einmal das Wort „Deutschland“ in den Mund nahm», schrieb er einmal. Auch das Wort «Holocaust» sei kaum gefallen – man habe nur davon gesprochen «was dort passierte». Besonders eindrücklich erinnert er sich daran, wie manche Holocaust-Überlebende in der Nachbarschaft nachts im Schlaf schrien, weil ihre Erlebnisse sie in Albträumen quälten.

Bei aller Liebe für Israel und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Land ist Grossman einer der schärfsten Kritiker der Regierungspolitik. So verurteilte er etwa das israelische Vorgehen im Gaza-Krieg vor eineinhalb Jahren scharf und rief zu einem Dialog mit der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas auf. Er sieht eine enge Verbindung zwischen dem Holocaust-Trauma und dem blutigen Konflikt in Nahost, der bis heute ungelöst ist. «Wir haben Dutzende von Atombomben, Panzer und Flugzeuge, und kämpfen gegen Menschen, die keine dieser Waffen besitzen.» Dennoch würden Israelis sich immer noch vorwiegend als Opfer sehen. «Diese Unfähigkeit, uns in Verbindung zu anderen richtig wahrzunehmen, ist unsere größte Schwäche.»

Sara Lemel (dpa) - Bild: epa

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