Das Riceville-Experiment an Antwerpener Schule

Ein Team der flämischen Rundfunkanstalt VRT hat in einer Antwerpener Schulklasse ein Experiment gemacht: Man hat die Kinder in zwei Lager gespalten, und das auf Grundlage ihrer Augenfarbe. Die Ergebnisse sind aufrüttelnd.

Wie fühlt es sich an, aufgrund von Äußerlichkeiten diskriminiert zu werden. Inwieweit kann man Menschen dazu bringen, selbst diskriminierendes Verhalten an den Tag zu legen? Das wollte der Lehrer Jan Bergs von  seinen zehn- bis elfjährigen Schülern wissen. An seiner Antwerpener Grundschule wurde dazu ein Experiment gemacht, das zum ersten Mal vor knapp 50 Jahren in den USA durchgeführt wurde.

„Heute sind die Kinder mit den brauen Augen die Guten“, sagt Jan Bergs. „Nur die mit den brauen Augen haben das Recht, Spielgeräte zu benutzen, die mit den blauen Augen nicht.“ Es fiel ihm schwer, aber der Lehrer setzte in der Folge alles daran, die Kinder mit den braunen Augen zu bevorzugen. Die mit den blauen Augen bekamen einen Schal umgebunden, damit jeder gleich sehen konnte, dass sie zu den „Minderwertigen“ gehörten. Schnell zeigten sich Spannungen: „Du verstehst das Wort „kommunizieren“ nicht“, fragte der Lehrer ein Kind aus der Blau-Augen-Gruppe. „Das liegt wohl an Deiner Augenfarbe.“

Schnell zeigte die Konditionierung Wirkung. Die diskriminierte Gruppe war frustriert und es flossen zuweilen Tränen. Die Kinder aus der bevorzugten Gruppe fühlten sich überlegen. Genau das Gleiche war schon vor knapp 50 Jahren passiert, als das Experiment das erste Mal durchgeführt wurde. 1968 teilte die Lehrerin Jane Elliott in ihrer Schule in Riceville, Iowa, ihre Klasse auf in die Blau-Augen- und die Braun-Augen-Gruppe. Für sie persönlich war es eine erschütternde Erfahrung: „Ich merkte, dass sich die Kinder in Nullkommanix so verhielten, wie ich es ihnen suggeriert hatte.“ Es gibt eben die Guten, die grundsätzlich gut sind, weil sie braune Augen haben, und dann eben die anderen.

Am nächsten Tag drehte Lehrer Jan Bergs den Spieß um: „Ich hab‘ Euch gestern belogen: Es sind natürlich die Kinder mit den blauen Augen, die den anderen überlegen sind.“ Er lieferte auch gleich vermeintliche Beweise: „Habt ihr noch nie bemerkt, dass alle Superhelden in den Filmen blaue Augen haben?“ „Doch, stimmt“, sagten die Kinder. „Welche Augenfarbe hat ein Müllmann? Was meint ihr?“, wollte Jan Bergs daraufhin wissen. „Ein Müllmann hat wohl braune Augen“, sagte ein Mädchen. „Weil Menschen mit brauen Augen nicht so talentiert sind“, lautete die Erklärung. Da habe er doch mal Schlucken müssen, sagte der Lehrer. Auch der zweite Tag, an dem plötzlich die andere Gruppe bevorzugt wurde, war von Spannungen geprägt. Für die Schüler und Schülerinnen war es eine ziemlich aufreibende, stressige Erfahrung.

„Sowas kann man Kindern nicht antun“, diesen Einwand habe sie damals schon gehört, sagt Jane Elliott. Die Antwort lautet: „Hier wissen die Kinder, dass es irgendwann vorbei ist.“ Wenn es für ein weißes Kind einen Tag lang schlimm ist, wie schlimm ist es für Kinder mit einer anderen Hautfarbe? Jane Elliott hatte Jahre später „ihre“ Kinder von damals noch einmal zusammengerufen. Sie alle bestätigten, dass ihnen dieses Experiment eine Lehre fürs Leben war.

„Niemand wird als Rassist geboren“, sagte auch Lehrer Jan Bergs. Wie gelangen diese Ideen also in den Kopf unserer Kinder? Am Ende des Experiments zog der Lehrer mit den Kindern Bilanz: „Macht es einen Unterschied, welche Augenfarbe man hat? Versteht ihr jetzt, was Rassismus ist?“, fragte Jan Bergs seine Schüler. Die Antwort war deutlich: Ja!

Jane Elliott, die 1968 schon genau das gleiche Experiment durchführte, macht die Antwerpener Neuauflage dennoch nachdenklich: Hier ist das gleiche passiert wie damals. Allerdings ist das lange her, es hätte eigentlich eine Entwicklung geben müssen, doch hat die anscheinend bei Euch nicht stattgefunden. Die Frage ist: Warum?