„Jetzt wissen wir: Wir sind nicht alleine“ – Erfahrungsbericht aus Leyte

Fabian Böckler berichtet von seinem Einsatz auf den Philippinen, nachdem der Taifun Haiyan dort fast den gesamten Kokosnussbestand zerstört hat. Der 29-jährige Eupener ist Katastrophenschutz-Experte für die internationale Kinderhilfsorganisation “Plan”.

Fabian Böckler mit einem Einwohner des Dorfs Jurao

Fabian Böckler mit einem Einwohner des Dorfs Jurao

Das Barangay (Dorf) Jurao gehört zur Gemeinde Julita, einer von insgesamt zwölf Gemeinden in Leyte, in denen Plan seit vergangener Woche tätig ist und humanitäre Hilfe leistet. Das Barangay ist ziemlich weit abgelegen. Vom Zentrum in Julita benötigt man 45 Minuten, um das Dorf zu erreichen. Es befindet sich inmitten einer Kokosnuss-Plantage. Seine Bewohner zählten bereits vor dem Taifun zu den ärmsten Bewohnern des Insel-Staates.

Als Pächter arbeiten die Bewohner Juraos auf der Plantage: Sie werden vom Großgrundbesitzer am Gewinn der Ernte prozentual beteiligt. Ihr Einkommen hängt also unmittelbar vom Ernteertrag ab. Gleichzeitig erhalten sie das Recht, auf dem privaten Grund wohnen zu dürfen.

Nach dem Taifun blicken die Menschen in Jurao einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Taifun hat so gut wie den gesamten Kokosnussbestand vernichtet. Doch nicht nur die kurzfristigen Einnahmen fallen komplett weg. Auch mittelfristig haben die Menschen ein schweres Los: Die wenigen Palmen, die den Taifun überstanden haben, werden bis zu zwei Jahre brauchen, bis sie wieder Früchte tragen – vorausgesetzt, sie sterben in den nächsten Wochen nicht ab.

Von den vielen umgeknickten Palmen kann nur noch das Holz verwendet werden. Doch das geht nur mit dem Einverständnis des Landbesitzers, der seinen Profit neben dem Verkauf der Kokosnüsse auch aus dem Verkauf des Holzes bezieht. Dazu kommt, dass der Taifun mehr als 90 Prozent der Häuser der insgesamt 73 lebenden Familien in Jurao komplett zerstört hat.

Die von „Plan International“ nach dem Taifun durchgeführten Bedarfsanalysen zeigten eine erschreckende Not in Jurao. Deshalb wurde das Dorf in die Liste der Gebiete aufgenommen, in denen Plan International nun zuerst humanitäre Hilfe leistet. Da Jurao so abgelegen ist, haben die Menschen dort bisher kaum Unterstützung erhalten. Lediglich Reis und Nahrungsmittel in Konservendosen bekamen sie. Dafür mussten sie sich selbst auf den Weg ins Zentrum von Julita machen, um die Hilfsgüter von der lokalen Regierung abzuholen.

Als wir am Sonntag, dem 24. November, – mehr als zwei Wochen nach dem Taifun – mit einem Team von neun Mitarbeitern nach Jurao kamen, war Plan International die erste und bis dato einzige Organisation, die das Dorf besuchte und dort in Koordinierung mit der Local Government Union, der Lokalregierung, humanitäre Hilfe leistete. Wir verteilten 73 Zelte für Familien als Notunterkünfte. Gemeinsam mit der Gemeinde bauten wir zur Demonstration eines der Zelte zusammen auf, damit die Familien wissen, wie sie vorgehen müssen.

Schwerpunkt: Aktivitäten mit den Kindern

Außerdem führte ein Teil unseres Teams in einem provisorisch hergerichteten kinderfreundlichen Bereich Aktivitäten mit den Kindern des Dorfes durch. Dies ist zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig, da die Kinder traumatische Dinge erleben mussten. Die kinderfreundlichen Bereiche verfolgen drei Ziele.

Erstens geben sie den Kindern die Möglichkeit, in einem geschützten und sicheren Bereich zu spielen und ihnen wieder ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern. Zweitens erhalten die Kinder psychologische Unterstützung und werden von geschulten Teams angeleitet, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Drittens geben sie den Eltern der Kinder die Sicherheit, dass sich ihre Kinder wohlbehalten in einem geschützten Bereich aufhalten, sodass sie sich auf andere wichtige Dinge konzentrieren können – in diesem Moment bedeutet dies vor allem, das eigene Überleben zu sichern, beispielsweise durch alternative Einkommensquellen.

An den kinderfreundlichen Aktivitäten in Jurao nahmen insgesamt 57 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren teil. Die Mädchen und Jungen hatten nach so vielen Tagen des Leides nun die Möglichkeit, ihre Gefühle zu zeigen und endlich wieder das tun, was Kinder in diesem Alter tun sollten: spielen und ihre Zeit genießen. Sichtlich viel Spaß hatten sie beim Vorlesen der Geschichte des Frosches, bei der sie aufgefordert wurden, die Szenen schauspielerisch nachzustellen. Die Moral der Frosch-Geschichte ist, dass jedes einzelne Kind eine eigene Gabe und besondere Charaktereigenschaften hat. Die Eltern erhielten zeitgleich eine zweistündige Einführung in das Thema Kinderschutz in den lokalen Sprachen Tagalog und Warray.

Kinder in Jurao spielen die Geschichte vom Frosch nach

Arlin Culas, Leiterin des Barangays und Mutter eines achtjährigen Mädchens, beeindruckte mich sehr, als sie uns nach der Verteilung der Hilfsgüter ansprach und uns ihre Dankbarkeit zeigte: „Ich bin sehr glücklich und sicherlich empfinden die anderen Gemeindemitglieder das genauso. Durch die Zelte, die wir bekommen haben, können wir nun wieder gut schlafen. Wir müssen keine Angst mehr haben, wenn es regnet, weil sie uns schützen. Plan International ist die einzige Organisation, die unser Barangay bisher besucht hat und uns unterstützt. Jetzt wissen wir, dass wir nicht alleine sind. Wir brauchen noch mehr Unterstützung: Nahrungsmittel, Wasser und medizinische Versorgung, aber zumindest haben wir jetzt schon einmal richtige Unterkünfte, in denen wir mit unseren Kindern wohnen können. Ich danke Plan von Herzen.“

Besonders gerührt war unser Team, als Arlin Culas jedem von uns nach den Aktivitäten ein Stück in Kokosnussmilch zubereitete Casava (Maniok) servierte. Trotz der Nahrungsknappheit und der begrenzten Dinge, die sie und die Menschen in Jurao haben, war es ihr so wichtig, das wenige Essen, das sie hatte, mit uns zu teilen. Und ich konnte die tiefe Ehrlichkeit fühlen, mit der sie es uns anbot. Trotz der großen Not, in der sie sich befindet, kann ihr niemand ihre Menschlichkeit und ihr großes Herz nehmen. Und auch nicht die Hoffnung, die sie in sich trägt.

Menschen wie die in Jurao sind auf die Hilfe von Organisationen wie Plan International angewiesen. Sie dürfen nicht ihrem Schicksal überlassen werden, da sie aus eigener Hand in dieser Situation nicht überleben können.

Plan auf den Philippinen

Plan arbeitet seit 1961 auf den Philippinen und unterstützt mehr als 40.000 Patenkinder, deren Familien und Gemeinden. Derzeit arbeitet das Kinderhilfswerk mit einem umfassenden humanitären Hilfsprogramm auf den Philippinen mit Fokus auf vier Provinzen (Eastern Samar, Western Samar, Cebu und Leyte), die besonders stark vom Taifun Haiyan betroffen sind.

Sie können diese Hilfsmaßnahmen über den Nothilfe-Fonds unterstützen:

Plan International Deutschland e.V.
Konto: 9444944
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ: 25120510
IBAN: DE86 2512 0510 0009 4449 44
BIC: BFSWDE33HAN
Stichwort: Nothilfe Philippinen

Fabian Böckler - Fotos: Plan International