Auf den Tag genau vor zwei Monaten wurden Tyméo und sein Vater Bryan Brigou zum letzten Mal gesehen. Am 27. Juni war Bryan mit seinem Sohn im Auto im Raum Dinant unterwegs. Die beiden wurden an diesem Tag noch zwei Mal von Überwachungskameras gefilmt: in einem Zeitschriftenladen und auch noch in einem Spielzeuggeschäft. Und danach nichts mehr.
Einen Tag später wurde Bryans Wagen im beschaulichen Onhaye entdeckt, auf dem Parkplatz des Fußballvereins. Das Auto war leer; von Bryan Brigou und seinem fünfjährigen Sohn Tyméo fehlte jede Spur.
Sofort wurde eine Suchmeldung herausgegeben. Die Polizei setzte eine Soko ein; laut Medienberichten wurden 20 Ermittler auf den Fall angesetzt. Aber die Suche blieb erfolglos. Bis ein Landwirt auf einen Kinderschuh aufmerksam wird, der offenbar entlang der N97 am Straßenrand lag. Er meldet seine Beobachtung der Polizei.
Am Montag starten die Beamten eine ausgedehnte Suche rund um die fragliche Stelle. Und dabei machen sie eine traurige Entdeckung: die Leiche eines Kindes. Auf der Grundlage seiner Kleidung handele es sich höchstwahrscheinlich um Tyméo, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Nicht weit entfernt findet man tags drauf auch die sterblichen Überreste von Vater Bryan.
Sofort wird eine Autopsie angeordnet. Die bringt aber noch keine endgültige Klarheit über die Identität. Die Ergebnisse der DNA-Tests stehen noch aus. Man gehe aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich tatsächlich um Tyméo und seinen Vater handelt.
"Das ist natürlich die schlimmste aller Nachrichten, die man bekommen kann", sagte David Poelaert, der Anwalt von Tyméos Mutter in der RTBF. Seine Mandantin sei am Boden zerstört. Jetzt weiß sie, dass ihr Sohn tot ist, den sie doch eigentlich am Montag zur Schule fahren wollte.
Der Fall wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. So stellt sich die Frage, warum die Leichen erst jetzt entdeckt wurden, obschon sich der Fundort Luftlinie nur rund einen Kilometer von dem Parkplatz entfernt befindet, auf dem Bryans Wagen stand. Das Gebiet wurde nicht durchkämmt, "weil sich die Leichen in unwegsamem Gelände befanden", hieß es von der Staatsanwaltschaft Namur. Außerdem habe sich der Fundort außerhalb des von den Ermittlern definierten Suchradius' befunden. Das Gebiet sei von einem Hubschrauber überflogen worden; dabei habe man aber nichts bemerkt.
Die zweite, viel wichtigere Frage lautet aber: "Was ist da passiert?" Die Autopsie lieferte bislang keine Hinweise auf die Todesursache; da sind weiterführende Untersuchungen nötig. Für die Ermittler heißt das im Umkehrschluss, dass alle Hypothesen nach wie vor auf dem Tisch liegen: von einem Familiendrama bis hin zu Mord.
Ein Familiendrama schließe seine Mandantin kategorisch aus, sagt Anwalt David Poelaert. Die Beziehung zwischen den Eltern sei gesund gewesen. Es habe keinerlei Probleme gegeben, die auch nur den geringsten Anlass zur Sorge gegeben hätten, weder in Bezug auf das Kind, noch auf den Vater:
Also doch Fremdeinwirkung? Dann würde sich natürlich die Frage nach dem Motiv stellen. Und es ist offensichtlich nicht so, als gäbe es da so gar keine Möglichkeit. Hinweise in diese Richtung habe sogar seine Mandantin gegeben, sagt David Poelaert. Anscheinend habe Bryan zwielichtige Bekanntschaften gepflegt. Die Mutter habe den Ermittlern im Laufe der Untersuchung auch bereits eine Liste von Namen gegeben zwecks Überprüfung. "Wir sprechen hier wohl vom Drogenmilieu", sagt Poelaert.
Boulevardmedien nennen hier aber Ross und Reiter. Demnach habe der 29-jährige Bryan nicht nur konsumiert, sondern auch gedealt. Und er habe Schulden bei den falschen Leuten gehabt. Außerdem war er 2024 zu 30 Monaten Haft wegen Gewaltdelikten verurteilt worden und trug bei seinem Verschwinden eine elektronische Fußfessel.
Ob es diese Probleme waren, die ihm und seinem Sohn Tyméo zum Verhängnis wurden? Noch stehen die Ermittler vor einem Rätsel...
Roger Pint