Legasthenie erkennen – Je früher desto besser

Über das Thema Legasthenie wird derzeit rege diskutiert. Experten glauben nämlich, dass Kindern zu oft und auch zu schnell eine Lese-Rechtschreibstörung diagnostiziert wird. In manchen Schulen läge der Anteil bei 20 Prozent. Normal seien da eher fünf Prozent. Die niederländischen und flämischen Wissenschaftler schlagen deshalb unter anderem vor, die Art und Weise, wie man Kindern das Lesen und Schreiben beibringt, zu hinterfragen. Und auch schon im Kindergarten genau hinzuschauen, um so möglichst früh Schwierigkeiten zu erkennen und die Kinder dann gezielt zu fördern.

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Kindergärtnerin Nicole macht zum Abschluss des Vormittags ein paar Sprachspiele mit den Kindern. So lernen sie, dass Sprache Spaß machen kann. Und zwar möglichst früh:  „Im Kindergarten ist es bereits möglich, Kinder sprachstrukturell zu fördern und spielerisch auf Sprache einzugehen. Kinder, die da schwer betroffen sind, fallen häufig auch auf, weil sie nicht gerne reimen, nicht gerne Silben trennen, nicht gerne Fingerspiele machen wollen. Da kann man auf jeden Fall schonmal eingreifen“, sagt Nadja Brandt. Die Logopädin arbeitet im LRS-Projekt am Zentrum für Förderpädagogik in Eupen. Dort befasst man sich intensiv mit dem Thema, erstellt Förderdiagnosen und berät die Lehrerinnen und Lehrer.

Unterrichtsminister Harald Mollers schätzt den Anteil an Kindern mit einer Leserechtschreibschwäche auf fünf bis acht Prozent: „Allerdings sind darin sowohl diejenigen enthalten, die nur eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, die teilweise auch nur zeitlicher Natur ist, die durch spezielle Fördermaßnahmen relativ schnell wieder behoben werden kann. Und andererseits sind darin enthalten die Lese-Rechtschreibstörungen, die dann in der Regel dauerhafter Natur sind, wie eine Legasthenie, Dyslexie.“

Damit Kinder überhaupt lesen können, müssen sie in der Lage sein, Symbole, also die Buchstaben in Laute umzuwandeln, um dann Wörter und Sätze zu bilden. Beim Schreiben ist es genau umgekehrt: Das, was das Kind hört muss es in Schriftsymbole umsetzen. Und genau bei diesem Vorgang des Codierens und Decodierens von Lauten und Symbolen hakt es bei Kindern mit Legasthenie: „Ganz besonders, weil alleine schon dieses Zerlegen in Laute und Schriftzeichen Schwierigkeiten bereitet. Was höre ich am Anfang was höre ich am Ende? Muss es dann gegebenenfalls durch ein anderes Laut- oder Schriftzeichen dargestellt werden? Beispielsweise Ä oder E. Sodass ich da auch noch die Auswahl habe und mir nicht unbedingt sicher bin, was höre ich denn eigentlich? Weil sich das auch noch je nach Wort verändern kann.“

Kinder müssen in dieser Lebensphase intellektuelle Höchstleistungen vollbringen, weiß auch Logopädin Nadja Brandt: „Wenn ich beispielsweise den Laut <k> höre, so kann der in der Schriftsprache unterschiedlich dargestellt werden. Ja nach Wort, kann es sein, dass sich den gleichen <k> höre, den aber auf neun verschiedene Weise vorfinde. So kann ich Wort „Kaffee“ das ganz normale <k> finden, aber in „Zecke“ das <ck> oder am Ende eines Wortes wie bei „Tag“ höre ich auch ein <k>, muss aber ein <g> schreiben. So gibt es neun verschiedene Möglichkeiten. Und das Kind muss dann wählen: Wann schreibe ich denn was?“

Und da hat jedes Kind sein eigenes Tempo. Deshalb sollten Eltern und Lehrer eine Diagnose Legasthenie auch nicht zu vorschnell stellen: „Man sollte wirklich sehr vorsichtig sein, weil es immer Stolpersteine gibt während des ganzen Schulverlaufs. Dass Kinder da Schwierigkeiten empfinden, bei manchen Strategien oder orthographischen Hürden, die so zu nehmen sind während der Schullaufbahn. Da muss man ganz klar unterscheiden – von den Schwierigkeiten, die eben auch so im Alltag auftauchen, und den wirklichen Störungen. Kinder mit Legasthenie beziehungsweise Leserechtschreibschwäche tauchen nicht wirklich so häufig auf. Das ist nicht die breite Masse und man sollte sehr vorsichtig sein, Kinder nicht in diese Schublade zu stecken, nur wenn da eigentlich ganz normale Fehler in der Schulzeit auftauchen.“

Früher landeten Kinder mit LRS schnell mal in der Förderschule. Heute ist man bemüht sie nach Möglichkeit in ihrer Schule zu lassen. Und sie dort zu unterstützen und zu fördern. Unterrichtsminister Mollers: „Mein Wunsch wäre darüber hinausgehend, dass wir im Grundstudium noch mehr förderpädagogische Inhalte verankern, als das bisher der Fall ist. Im Rahmen des momentan noch dreijährigen Grundstudiums bleibt nicht sehr viel Raum, um sich zu spezialisieren in einzelnen Teilbereichen. Ich denke, wenn wir darüber diskutieren, dass das Grundstudium verlÄngert werden soll, dann auch deshalb, weil wir in diesen Bereichen mehr Inhalte ins Studium packen möchten und gleichzeitig den Studierenden die Möglichkeit geben wollen, auch mehr Erfahrungen zu sammeln, gerade bei Teilleistungsstörungen und ähnlichen Beeinträchtigungen.“

Und einen Rat hat Logopädin Nadja Brandt auch an die Eltern. Denn schon zu Hause kann man die Freude an der Sprache wecken: „Kinderlieder gehören dazu. Rauf und Runter und Runter und rauf zu hören, sich Bilderbücher anzuschauen. Sehr sehr viel vorzulesen. Fingerspiele zu machen mit Kindern. Und vielleicht auch mit Sprache spielen, indem man so ein bisschen Quatsch da mit reinbringt. Sowas mögen Kinder unglaublich gerne.“

Volker Krings - Illustrationsbild: Laurie Dieffembacq/BELGA

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