Flamen wollen keine Spaltung, Frankophone denken an Plan B

13. September 2010, 12:18 · Albert Schoenauen
National · ·

Eine Mehrheit der Flamen ist gegen die Spaltung des Landes. Das ist eines der Ergebnisse einer Umfrage in Flandern im Auftrag der Tageszeitung Het Nieuwsblad. Gleichzeitig bringt Le Soir fünf Sonderseiten über den “Plan B”.

Atomium in Brüssel, das Wahrzeichen Belgiens

Plan B: Eine Föderation der Wallonie mit Brüssel

Praktisch die Hälfte der Flamen ist überzeugt, dass in Kürze eine große Staatsreform durchgeführt wird. Sie glauben auch, dass es Elio Di Rupo und Bart De Wever gelingen wird, eine neue Regierung zu bilden.

Die beiden genießen ungewöhnlich viel Vertrauen in Flandern. So sagen 70% der Flamen, dass sie Vertrauen in den N-VA Präsidenten De Wever haben. Der Wallone Elio Di Rupo genießt immerhin das Vertrauen von 51% der Flamen, während 42% ihm nicht vertrauen.

Ein Viertel der Flamen sind der Meinung, die N-VA und die CD&V hätten den  letzten Vorschlag des Präformateurs Di Rupo annehmen müssen. Doch 82% der flämischen Bürger sind davon überzeugt, dass die Frankophonen noch mehr Zugeständnisse machen müssen.

Überraschend ist in diesem Zusammenhang, dass 60% der Flamen kein unabhängiges Flandern wünschen. Nur 26% wollen die Spaltung des Landes. Lediglich 6% der Flamen sehnen sich nach dem alten Belgien zurück – mit einer starken Föderalregierung und weniger Macht für die Gliedstaaten.

Plan B: Föderation Wallonie-Brüssel

Die Brüsseler Tageszeitung Le Soir untersucht trotzdem auf fünf Seiten die Folgen einer möglichen Spaltung Belgiens für die frankophone Bevölkerung des Landes. Sie geht davon aus, dass die Frankophonen sich in einer Föderation Wallonie-Brüssel zusammenschließen werden.

Die Zukunft für diesen Staat ist allerdings nicht rosig. Sein größtes Handicap wäre die große Zahl der Arbeitslosen, nämlich 330.000 – 17% der arbeitenden Bevölkerung. In Flandern allein würde die Erwerbslosigkeit 8% erreichen.

Bei einer Trennung würde auch die Sozialsicherheit gespalten , und das bedeutet das Ende der Transfers von Flandern in die Wallonie, die sich heute auf 900 Millionen Euro im Jahr  belaufen. Der Staat Wallonie-Brüssel stände damit vor der Wahl, entweder die Arbeitslosenunterstützung zu kürzen, sie zeitlich zu begrenzen oder nach neuen Finanzierungsquellen zu suchen.

Dabei wäre der frankophone Staat ausgesprochen reich. Sein Bruttoinlandsprodukt würde pro Kopf der Bevölkerung über 31.000 Euro betragen. Damit wäre der Staat Wallonie-Brüssel an siebter Stelle der 27 EU Staaten hinter Dänemark und Luxemburg, aber reicher als Frankreich oder Deutschland. Dies wäre aber ausschließlich der Wirtschaftsmacht Brüssel zu verdanken, bei der das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mehr als 60.000 Euro beträgt. Andererseits wäre der neue Staat schwer verschuldet.

Selbst wenn Flandern 60% der belgischen Staatsschuld übernehmen würde, hätten die Wallonie und Brüssel mit den restlichen 40% noch eine Schuld von 136 Milliarden Euro. Hinzu kommen noch die Verschuldung der wallonischen Region, der Region Brüssel und der französischen Gemeinschaft. Unter dem Strich 150 Milliarden Euro Staatsschuld, 106% des BIP.

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in der Wallonie und Brüssel ist 39 Jahre. Das ist auf die Dauer ein Rettungsring für das Problem der Vergreisung der Bevölkerung, weil die Bürger im arbeitsfähigen Alter wesentlich zur Finanzierung der Sozialsicherheit und der Pensionen beitragen.

Flamen wollen keine Spaltung, Frankophone denken an Plan B - Albert Schoenauen aus Brüssel · mp3

Bild: belga