Die Presseschau von Freitag, dem 19. Mai

Die Zeitungen beginnen heute sportlich, nämlich mit dem neuen Meister RSC Anderlecht. Daneben geht es um die belgische Wirtschaft, Neues vom Publifin-Skandal, einen auf wenig Gegenliebe stoßenden Vorstoß von Transportminister Bellot, den Tax-Shift und, wie in letzter Zeit beinahe täglich, Donald Trump.

Bereits am Freitag machten sich viele Touristen auf in Richtung Küste

Verkehrsminister Bellot ist mit seinen Plänen für variable Geschwindigkeiten auf den Autobahnen bei den Regionen auf wenig Gegenliebe gestoßen

Audiobeitrag

Die Presseschau von Freitag, dem 19. Mai 2017MP3

„Champion!“, titelt La Dernière Heure. „Meister mit Dank an Teo“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. „Teo hat’s gemacht“, schreibt auch Het Belang van Limburg.

„Teo“, gemeint ist Łukasz Teodorczyk. Der polnische Stürmer steht in Diensten des RSC Anderlecht und hat die Brüsseler gestern im Spiel gegen Charleroi mit seinen zwei Toren auf die Siegerstraße gebracht. Anderlecht gewann an Ende mit 3:1 und sicherte sich damit vorab die Meisterschaft.

„Die Veilchen verwandelten ihren zweiten Matchball“, so formuliert es das GrenzEcho. Eigentlich hätte Anderlecht nämlich schon am vergangenen Sonntag alles klarmachen können, gegen Brügge kam man aber über ein Unentschieden nicht hinaus. „Jetzt hat Teo aber Anderlecht zum Titel geschossen“, schreibt Gazet van Antwerpen. Und L’Avenir hat mitgezählt: Es ist die 34. Meisterschaft für den RSC.

Wirtschaftsaufklarung, Zahlungen ins Blaue und eine Vollbremsung

Ganz andere Geschichte auf Seite eins von Le Soir: „Endlich gibt es eine Aufklarung am belgischen Wirtschaftshimmel“, schreibt das Blatt. Demnach sind die wichtigsten Konjunkturparameter im grünen Bereich: Im ersten Quartal wurde ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent verzeichnet. Alleine im vergangenen Jahr sind 70.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. „Die wirtschaftliche Erholung scheint sich zu bestätigen“, notiert Le Soir.

Vor allem in den frankophonen Zeitungen sorgt derweil die gestrige Sitzung des Publifin-Untersuchungsausschusses des wallonischen Parlaments für Diskussionsstoff. Die Kommission hatte den Chefbuchhalter der Publifin-Tochter Nethys angehört. Und der gab fast Unglaubliches zu Protokoll: Nach seiner Aussage zahlte nicht er die Bezüge für die Nethys-Vorstandsmitglieder aus, sondern eine externe Gesellschaft.

Seine Aufgabe bestand lediglich darin, monatlich einen Fixbetrag auf ein Konto zu überweisen. Das Fazit von L’Echo: „Nethys hat die Gehälter seines Führungspersonals verschleiert“. Le Soir ist direkter: „Bei Nethys wurden die Gehälter ins Blaue ausbezahlt“. Sinn und Zweck war offenbar, dass die genauen Bezüge der einzelnen Vorstandsmitglieder nicht an die Öffentlichkeit gelangten.

Hohe Wellen geschlagen hat auch der gestrige Vorstoß des föderalen Transportministers François Bellot. Der hatte die Absicht geäußert, auf gewissen Autobahnabschnitten nach eingehender Prüfung die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 130 Stundenkilometer anzuheben. Zumindest wollte er den eigentlich zuständigen Regionen diese Möglichkeit geben. Die winkten aber ab.

„Brutale Vollbremsung für die 130 Stundenkilometer-Idee“, so das Fazit von Le Soir. Der flämische und auch der wallonische Mobilitätsminister wollen von einer Anhebung der Höchstgeschwindigkeit nichts wissen. Beide argumentieren, dass durch eine solche Maßnahme die Zahl der Verkehrstoten wieder steigen würde.

Ist das so?, fragt sich Het Belang van Limburg in seinem Leitartikel. Der Vergleich mit den Nachbarländern liefert dafür jedenfalls keinen Beweis. In Frankreich und den Niederlanden sind auf gewissen Autobahnabschnitten 130 Stundenkilometer erlaubt, in Deutschland gibt es stellenweise sogar überhaupt kein Tempolimit. Und doch ist die Zahl der Verkehrstoten in Belgien zum Teil deutlich höher. Das Gepolter um den Bellot-Vorschlag ist wohl nicht mehr als gespielte Empörung, politisch korrektes Denken erstickt manchmal jegliche Diskussion im Keim.

Wer soll das bezahlen?

„Peeters will einen neuen Tax-Shift“, schreibt derweil Het Laatste Nieuws. Der CD&V-Vizepremier will diesen Vorschlag offenbar beim nächsten „Super-Ministerrat“ Anfang Juni auf den Tisch legen. Demnach sollen die Lohnnebenkosten weiter gesenkt werden, und zwar vor allem in Sektoren, die dem internationalen Wettbewerb besonders stark ausgesetzt sind, wie Internethandel oder die Baubranche. Het Laatste Nieuws schickt allerdings gleich eine Frage hinterher: „Wer soll das bezahlen?“

Auch L’Echo reagiert mit Kopfschütteln auf die Idee. Erstens: Wenn Peeters jetzt einen zweiten Tax-Shift fordert, dann mag man darin den Beweis sehen, dass der erste doch nicht so toll war, wie die Regierung behauptet. Zweitens: Wenn Peeters sich einige Sektoren herauspickt, dann wird der belgische Steuer- und Abgabendschungel nur noch dichter. Und drittens noch eine kleine Bemerkung am Rande, meint L’Echo: Bevor man über einen zweiten Tax-Shift nachdenkt, sollte man erst einmal dafür sorgen, dass der erste wirklich gegenfinanziert ist.

Kommt nach dem Tornado der Zyklon?

Einige Zeitungen beschäftigen sich auch heute wieder mit dem politischen Chaos in Washington: Gestern wurde ein Sonderermittler eingesetzt, der die mutmaßlichen Russland-Verbindungen des Trump-Wahlkampfteams untersuchen soll. Dabei handelt es sich um Robert Mueller, De Standaard nennt ihn einen „James Comey auf Steroiden“. Mueller war in einem früheren Leben auch schon FBI-Chef und gilt als „harter Hund“.

Dem Mister Trump dürfte das Lachen wohl vergangen sein, meint L’Avenir. Doch sei die Frage erlaubt, ob sich der US-Präsident inzwischen endlich der Tragweite der Vorwürfe gegen ihn bewusst ist. Dass ein amerikanischer Präsident gerade einmal vier Monate nach Amtsantritt schon einen Sonderermittler auf den Hals gehetzt bekommt, das spricht jedenfalls Bände. Langsam aber sicher muss ihm aufgehen, dass er sich keinen Fehltritt mehr erlauben darf.

Nach dem Tornado droht vielleicht ein Zyklon, glaubt auch Le Soir. Es vergeht kein Tag mehr, an dem Donald Trump nicht Negativschlagzeilen produziert. Und inzwischen wird es eng. Viele Republikaner gehen spürbar auf Distanz, wollen nicht vom Wirbelsturm erfasst werden. Jetzt bricht Trump zu seiner ersten Auslandsreise auf, die ihn unter anderem in das von ihm als „Höllenloch“ bezeichnete Brüssel führen wird. Die Reise gilt als letzte Chance, seine angeschlagene Glaubwürdigkeit wieder aufzupolieren, ob ihm das gelingen wird, ist allerdings mehr als fraglich.

Roger Pint - Foto: Nicolas Maeterlinck/BELGA

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150