Die Presseschau von Montag, dem 16. Januar 2017

Die Zeitungen beschäftigen sich zunächst mit dem Wetter, etwa mit dem Frost und den Folgen des Sturms für die Küste. Eine neue Studie von Oxfam über die Verteilung des Reichtums sorgt ebenfalls für Wirbel. Daneben geht es um die Beziehungen der flämischen beziehungsweise der frankophonen Parteien untereinander.

Sturm an der belgischen Küste (13. Januar 2017)

Audiobeitrag

Die Presseschau von Montag, dem 16. Januar 2017MP3

„Wieder Angst vor Winterchaos auf den Straßen“, titelt Gazet van Antwerpen. Für heute und die nächsten Tage sagen Meteorologen Dauerfrost voraus. Im ganzen Land muss deshalb durchgehend mit glatten Straßen gerechnet werden. Der Automobilklub Touring befürchtet heute und morgen Staus von über 300 Kilometern Gesamtlänge.

„Auch Engpässe bei der Stromversorgung sind nicht auszuschließen“, fügt Het Laatste Nieuws hinzu. Fakt ist: Elia, der Betreiber der Hochspannungsleitungen, geht davon aus, dass die zwei Gaskraftwerke in Vilvoorde und Seraing zum ersten Mal in der Geschichte angefahren werden müssen, um einem eventuellen Blackout vorzubeugen. Hintergrund: Weil es auch in Frankreich bitterkalt ist, sind Stromimporte aus dem Süden schwieriger geworden.

Le Soir bringt heute „zehn Ratschläge gegen die Kälte“. Viele dieser Tipps könnten buchstäblich „von der Großmutter“ stammen: warme Kleidung, am besten nach der „Zwiebeltechnik“, Körperextremitäten schützen und die gute alte Wärmflasche.

Sturmfolgen und wachsende Ungleichheit

Einige Zeitungen blicken auch zurück auf das Wochenende, als ja an der Küste eine katastrophale Sturmflut befürchtet wurde. „Klippen nach dem Sturm“, so etwa die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. Es hat zwar nicht, wie erwartet, schwere Überschwemmungen gegeben. Der Sturm hat aber an der gesamten belgischen Küste über eine Million Tonnen Sand ins Meer gerissen. Der Strand wirkt also über weite Strecken wie eine kleine Steilküste mit Abbrüchen von mehreren Metern Höhe.

Bemerkenswert: In Gazet van Antwerpen und Het Belang van Limburg entschuldigt sich ein Mitarbeiter des Königlichen Meteorologischen Instituts für die falsche Wettervorhersage. Bei der Simulation der Gezeiten sei ein kleiner Fehler passiert. Unterm Strich müsse man aber sagen: zum Glück.

Aufrüttelnde Schlagzeile auf Seite eins von Le Soir: „Ein Prozent der Belgier besitzt 18 Prozent des Vermögens“, schreibt das Blatt. Die Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam.

Und es gibt da noch weitere Erkenntnisse, die alle auf die wachsende Ungleichheit hinweisen. Beispiel: „Acht Personen, allesamt Männer aus der westlichen Welt, besitzen so viel wie 3,6 Milliarden Menschen, also rund die Hälfte der Weltbevölkerung“. „Der reichste Belgier, der Industriekapitän Albert Frère, verfügt über mehr Vermögen als zwei Millionen Belgier“, zitiert De Standaard aus der Studie. Oxfam will mit der Untersuchung sensibilisieren, auch mit Blick auf das Weltwirtschaftsforum, das morgen im schweizerischen Davos beginnt.

Bei den Flamen stehen die politischen Zeichen auf Versöhnung

Vor allem die flämischen Zeitungen haben am Wochenende die Neujahrsempfänge einiger Parteien besucht. N-VA, CD&V und SP.A hatten ihre Mitglieder zu großen Kongressen eingeladen. Während die oppositionelle SP.A nachdrücklich für eine andere Politik plädierte, stellten sich die Regierungsparteien CD&V und N-VA vergleichsweise versöhnlich auf.

„Das ist doch mal was!“, meint dazu Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Nach den Streitereien von 2016, die die Föderalregierung fast in den Abgrund gerissen hatten, ist es ja schon eine erwähnenswerte Neuigkeit, wenn sich die Koalitionsparteien nicht frontal angreifen. Im Gegensatz zur winterlichen Witterung scheint in der Rue de la Loi Tauwetter eingesetzt zu haben. Und das wurde auch höchste Zeit.

Het Laatste Nieuws kommt zu der gleichen Schlussfolgerung: Die Koalitionsparteien wollen offensichtlich ihren Zwist beilegen. Es mag so aussehen, als komme jetzt doch noch mal Schwung in die Politik. Die Regierung will sich anscheinend ins Zeug legen, um dem Bürger am Ende eine positive Bilanz präsentieren und den Wählern in die Augen schauen zu können. Eins ist sicher: Schlechter als 2016 geht nicht.

… bei den Frankophonen hingegen auf Sturm

Von Versöhnung ist auf frankophoner Seite derweil nicht viel zu sehen. Gemeint ist hier aber der Dauerclinch zwischen der MR und der PS. „Liberale und Sozialisten stehen sich mit gezückten Messern gegenüber“, schreibt etwa Le Soir auf seiner Titelseite. Erst hatte PS-Chef Elio Di Rupo die Regierung von Premier Michel als die „zerstörerischste seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet. Michel bescheinigte daraufhin dem Sozialistenchef, dass er „in eine Demagogie abgeglitten sei, die ans rechtsextreme Rhetorik erinnere“.

Was für ein jämmerliches Schauspiel, meint L’Avenir in seinem Leitartikel. Michel und Di Rupo liefern hier einen eindrucksvollen Beweis für die Richtigkeit des sogenannten „Godwin-Gesetzes“. Das besagt, dass bei einem Streitgespräch früher oder später einer der beiden Kontrahenten einen Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Nationalsozialismus oder dem Holocaust ins Feld führt. Im Grunde sind das im vorliegenden Fall aber nur Nebelkerzen, um von den eigenen Problemen abzulenken.

„Mitteilung an alle“, wendet sich Le Soir an die politische Klasse: Man sollte mit Extremismus-Vergleichen vorsichtig sein. Ein solches Etikett zu vergeben, das ist kein Spiel. Und gerade ein Premierminister sollte seine Worte besser abwägen.

Beide Blätter sind sich einig: Das Ganze sorgt nur dafür, dass der Graben zwischen der Politik und den Bürgern noch tiefer wird. Genau da hakt La Libre Belgique ein: Viele Menschen haben, grob gesagt, „die Nase voll“. Diese Feststellung zu leugnen, das wäre gefährlich.

Trotzdem zwei Gedanken dazu. Erstens: Alle Politiker über einen Kamm zu scheren ist übertrieben. Und zweitens: Die Bürger erwarten oft auch viel zu viel von der Politik. Man sollte nicht darauf warten, dass einem der Staat das Glück frei Haus liefert. Manchmal muss man auch sein Schicksal entschlossen selbst in die Hand nehmen.

Roger Pint - Foto: Kurt Desplenter/BELGA

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150